Abendbummel Online - Hurtig durch die Karrenspur

Abendbummel Animation01Im Frühjahr ist der Mensch unserer Breiten von Müdigkeit geplagt, denn er wird in dieser Zeit innerlich umgebaut oder in technischer Terminologie, die der „Gas gebenden“ Spezies eher angemessen ist, – wir kriegen die Sommerreifen aufgezogen.

Nun ist es im April schon so warm, und man hat zwar die Winterreifen schon runter von den Felgen, allein die Sommerreifen werden gerade erst herangerollt, und zwar gemächlich, denn die Natur nimmt sich Zeit. Da wundert es nicht, dass der Kopf ungern denken mag, sondern allerlei Ausflüchte macht und einen mit Fehlleistungen bestraft, wenn man ihm trotzdem Leistungen abverlangt. Nicht mal die kleinen Dienste werden zuverlässig erledigt, dachte ich heute, nachdem ich in einen klassischen Fall von gestörter Kommunikation geraten war.

Ich soll im Bäckereicafé 3,04 Euro bezahlen und lege der Bäckereifachverkäuferin 4,05 Euro in die Hand, in der begründeten Hoffnung, sie gebe mir einen Euro und einen Cent zurück. Sie aber schaut meine Münzenstückelung zweifelnd an und wiederholte ihre Forderung: „Drei Euro vier!“ Ja, sage ich, und zeige auf mein Geld, das zum Teil das ihres Arbeitgebers werden soll. Während ich sie für ein bisschen blöd im Kopf halte, grabscht sie aus den Kassenfächern 97 Cent kleinteilige Münzen, und aus ihrer Miene lese ich, sie hält mich noch für viel blöder.

Erst am Cafètisch draußen auf dem Münsterplatz fällt mir ein, dass ich ihr vermutlich nicht 5 Cent obendrauf gezahlt hatte, sondern 2 Cent, denn diese beiden Münzen kann ich ohne Lesebrille nur schlecht auseinander halten. Na ja, der Kaffee hat mir geholfen, meine Fehlleistung einzusehen. Es hat höchstens fünf Minuten gedauert. Hätte mein Leben davon abgehangen, die Sache innerhalb einer Sekunde zu verstehen, wäre ich jetzt tot.

Wenn wir demnächst einen RFID-Chip im elektronischen Pass oder unter der Haut haben, um die Furcht der Regierenden vor dem Volk zu mildern, sind wir ja wandelnde Bombenzünder, wie man Presseberichten dieser Tage entnehmen kann. Wer weiß, ob dann eine frustrierte Bäckereifachverkäuferin nicht den einen oder anderen missliebigen Kunden hochgehen lässt.

Das wäre allerdings ein tadelnswerter Eingriff in die staatliche Gewalt und deshalb illegal. Gut, so weit ist es sowieso noch nicht. Zur Zeit begeht mein Gehirn nur kleine Gedankenverbrechen, die auch bei Komplettüberwachung durch staatliche Behörden nicht zu meiner vorsorglichen Eliminierung führen dürften. Man würde nur angefangene Gedankenstränge bei mir messen, nichts Konkretes, denn ich bin zur Zeit mehr Auge als Kopf, und im Sehen liegt bekanntlich Vergessen, sonst hätten wir ja ständig Nachbilder vor Augen.

An den Tischen ringsrum werden allerlei Alltagsdinge besprochen, die zu hören oder nicht zu hören für einen Unbeteiligten keinen Unterschied ausmachen. In einigen dieser Köpfe ist vielleicht mehr möglich als das, allerdings nicht zu dieser Zeit und bei diesen Wärmegraden. Eine nicht mehr junge hübsche Frau liest ein Buch. Ich beneide sie, hab kein Buch bei mir, denn Lesen ist die beste Methode, sein Denken aus den energiesparenden Kreisen heraus zu holen, egal wie lahm es sich anstellt. Da hat in einer stillen Kammer ein Autor seine Gedanken ausgerichtet und zu Zeilen angeordnet, was so ziemlich genau das Gegenteil zum natürlichen kreisförmigen Denken ist. Wenn man als Leser diesen Zeilen folgt, hat man es so leicht, wie das faule Gehirn verlangt, denn man kann mitgehen oder sich sogar fesseln lassen, was so bequem ist, als wäre man wie ein Kalb hinter einem Karren angebunden. Jedenfalls gräbt der Karren des Autors eine ordentliche Spur, durch die sich auf die eine oder andere Weise traben lässt.

Wer selber schreibt, muss den Karren antreiben, doch wenn man es tut, während die Winterreifen zwar runter-, die Sommerreifen aber noch nicht aufgezogen sind, dann kommt ein Text heraus wie dieser. Vielen Dank, dass Sie den Zeilen trotzdem gefolgt sind. Ich hoffe, es hat nicht zu sehr gerumpelt.

Guten Abend
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Notiert: Ein Detail für die Geschichtsbücher

Vor Jahren erhielt ich einen Rundbrief eines Redakteurs der Frankfurter Rundschau, in dem unter anderem stand, der damalige Chefredakteur Roderich Reifenrath lasse grüßen, zur Zeit „kraxle“ er „mit Bundespräsident Roman Herzog auf der Chinesischen Mauer herum“. Kurz zuvor hatte der damalige FR-Verlagsleiter Utz Grimmer gesagt, von „Verlagsseite“ sei man nicht glücklich über das linke Image der FR. Potentielle Werbekunden würden abwinken, weil die FR ja nur von linken Oberstudienräten gelesen werde. So wunderte ich mich, dass ausgerechnet der Chefredakteur der FR im Tross des Bundespräsidenten auf Chinareise gegangen war.

Es ist verständlich, dass Journalisten der großen Zeitungen prominente Politiker bei deren Auslandsreisen begleiten. Eine Hand wäscht hier die andere. Der Politiker braucht Medienöffentlichkeit. Er will beim Händeschütteln abgelichtet werden. Und manchmal will er im Ausland den mitgereisten Journalisten auch etwas in die Feder diktieren, denn diese Botschaften aus der Ferne werden stets besonders wahrgenommen, spätestens seit Herbert Wehner in Moskau den für Willy Brandt und die SPD verheerenden Satz gesagt hat: „Der Herr (Willy Brandt) badet gerne lau.“

Trotzdem dachte ich, wie staatstragend die angeblich linke Frankfurter Rundschau ist, wenn man die Begleitung des Bundespräsidenten zur Chefsache macht. Diese Nähe der Presse zur Politik ist ein wenig dubios. Journalisten wandern auf einem schmalen Grat, denn gerade bei gemeinsamen Reisen verwischen die Grenzen rasch. Da ist jemand, der Nachrichten produziert, und jemand, der sie verbreitet und bewertet. Wenn diese Zweckgemeinschaft zur Kumpanei verkommt, ist das Berufsethos des Journalisten dahin.

Die Vorrede war nötig, den Zusammenhang herzustellen zur Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Samstag. Die Rückseite der SZ-Wochenendbeilage ist stets einem ganzseitigen Interview gewidmet. Letzte Woche stammte das Interview von Anne Will. Interviewt hat sie Frau Merkel. Auf Seite ZWEI wird der Text angekündigt:
SZWILL
Wie bitte? Das ist
ein Detail für die Geschichtsbücher?
Ja, aber nur unter der Überschrift:
„Die Entwicklung der Kumpanei zwischen Politik und Presse im Zeitalter Globalisierung“.

Allerdings wird es eine derartige Überschrift in einem zukünftigen Geschichtsbuch nicht geben, denn es wäre verboten, solche Dinge zu schreiben. Wenn nämlich die Presse sich aus Eitelkeit und purem Eigennutz weiterhin derart an Politiker ranschleimt, werden sie bald machen, was sie wollen. Vor allem wollen sie nämlich eines: regierungfreundliche Blätter, die ihnen das Schalten und Walten nicht erschweren; Zeitungen, die das Volk mit Homestorys erfreuen à la: Die Kanzlerin rührt mit dem Kuli der Kollegin ihr Mineralwasser um.

Man möchte sich fragen, ob es auf schicklicher Basis eine intimere Geste gibt als die. Das taktische Geschick von Frau Merkel zeigt sich hier in voller Größe. Es ist geradezu hinterfotzig, was sie da getan hat. Denn Frau Will konnte ja nicht brüsk reagieren, sondern musste den Distanzverlust zulassen, fühlte sich gar geehrt. Das aber ist eine sehr schlechte Voraussetzung für ein Interview. So konnte Anne Will nicht verhindern, dass die Situation zum Damenkränzchen verkam.

Im Interview geht es um belanglose Dinge. Ob Frau Merkel tatsächlich unter dem Tisch blind eine SMS schreiben könne (kann sie nicht). Und warum Frau Merkel „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ gut findet (eine schnarchsackige Erzählung von Heinrich Böll aus der Zeit des Dampfradios). Frau Merkel darf auch Wichtiges über das Schweigen sagen, so ein bisschen Kalenderspruchweisheit absondern, die jeder sich aus dem Ärmel schütteln kann, wenn er sich für einen nachdenklichen Menschen ausgeben will. Wenn’s ernsthaft ums Schweigen gegangen wäre, ja warum haben die Damen nicht ihre teeduselige Innigkeit genossen und die Klappe gehalten?

Und warum war Anne Will bei der Bundeskanzlerin? Sie ist nicht Hofberichterstatterin bei Angela Merkel, sondern moderiert die Tagesthemen, eine Sendung, von der man Objektivität erwartet. Im Herbst jedoch wird Anne Will die Ex-Stewardess Sabine Christiansen ablösen. Mit ihrem Merkel-Interview hat Anne Will schon einmal erprobt, ob sie auch in Christansens putzige Fußstapfen passt.

Den Redakteuren der SZ-Wochenendbeilage ist zu danken für dieses erhellende Detail „für die Geschichtsbücher“. Ein hübsches Selbstverständnis offenbart sich hier. Man badet gern exquisit. Denn in der Wochenendbeilage schreiben die „Edelfedern“, den Mächtigen näher als dem dummen Volk. Die "Kollegin" Anne Will ist auch eine „Edelfeder“, zu erkennen am "sündteuren Marken-Kugelschreiber", in Kanzlermineralwasser getauft. Warum hat man dem in Ehrfurcht erstarrenden Leser nicht die Marke mitgeteilt? Wenn man sich sowieso wie Schmocks verhält und jubelnd verbreitet, was die Kanzlerin der Will in den Edelkuli diktiert hat, sollte ein bisschen Product-Placement auch drin sein. Dann gibt es die sündteuren Marken-Kugelschreiber sogar für lau.

(Zirkus des schlechten Geschmacks)
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Pataphysisches Seminar - Schreiben

Phase 1 (rot) Einfache Mehrfachcodierung
Phase 2 (grün) Pataphysische Mehrfachcodierung

Mehrfachcodierung_ja_und_ne
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Plausch mit Frau Nettesheim - Auweia, das Buch trocknet ein

trithemius-Frau-NettesheimTrithemius
Ein schöner Nebel, was Frau Nettesheim? Man sieht ihn kaum, obwohl die Wetteranzeige noch immer FOG verspricht.

Frau Nettesheim
Ja, das ist wieder ein sonniger Frühlingstag. Ich hoffe, Sie begeben sich heute mal nach draußen.
Trithemius
Klar doch, vorgestern bin ich in die Niederlande gefietst, und gestern bin ich durch die halbe Stadt gebummelt. Und weil mich vor lauter Blust ringsum die Gucklust gepackt hatte, bin ich noch zum Königshügel hinauf und habe für eine geplante Reportage das Pataphysische Institut der RWTH fotografiert.

Frau Nettesheim
Haben Sie Professor Coster gesehen?

Trithemius
Coster? Nein, das Portal war zu, Frau Nettesheim. Ich will jetzt auch nicht über Ihren Verehrer sprechen, sondern über eine Auswirkung der Klimakatastrophe. Wenn nämlich im April der Frühling schon derart nach draußen lockt, mögen die Leute nicht mehr lesen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat schon gegen das gute Wetter protestiert, schreibt Michael Krüger vom Hanser Verlag in der Süddeutschen. Und tatsächlich sind die Buchhandlungen zur Zeit ziemlich verwaist, denn Bücher brauchen es kalt und nass.

Frau Nettesheim
Teppiche gehen auch schlecht. Die Besucher machen sich rar.

Trithemius
Beunruhigend. Man sollte endlich die Weltmeere mit Tennisbällen zuschütten, damit sie das Zuviel an Sonnenstrahlung reflektieren. Das habe ich schon vor gut anderthalb Jahren propagiert. Die Idee ist freilich nicht von mir, sondern kommt wie alles Gute aus den USA.

Frau Nettesheim
Das meinen Sie nicht ernst, oder?

Trithemius
Doch, Tischtennisbälle auf der Meeresoberfläche sind prima. Dann können wir weitermachen wie bisher, und der Klimawandel ist gelackmeiert. Zudem sieht es bestimmt hübsch aus, wenn bei Flut die Tischtennisbälle heranbranden und auf den Strand rollen. Und stellen Sie sich vor, Sie machen eine Kreuzfahrt und können diese wunderbare Bugwelle aus Tischtennisbällen sehen.

Frau Nettesheim
Gehen Sie mal an die frische Luft, aber passen Sie auf, dass Ihnen dort oben nicht noch mehr verbruzzelt.
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Power to the people

Abendbummel Animation01Hab heute eine Familie gesehen, deren Kleidung und Kopfzahl ein bisschen an die Kellyfamilie erinnerte. Der Mann sah wie ein Patriarch aus, und die Frau war schwanger. Man sieht übrigens immer seltener schwangere Frauen oder Frauen mit mehr als 1 1/2 Kleinkindern. Deshalb macht es mir auch gar nichts, wenn mich mal wieder eine Mutter mit dem Kinderwagen anfahren will, wie es mir heute im Kaufhof passierte. In unserer kinderfeindlichen Zeit haben junge Mütter es eben schwer, denn sie wissen, dass sie irgendwie out sind.

Als mir unmittelbar darauf die zweite Frau den Kinderwagen entgegen stieß, war ich ein bisschen ungehalten. Im Kinderwagen saß nämlich ein Hund. Ich konnte das kaum glauben und dachte, ich hätte mich verguckt oder gestern zuviel gekifft. Eben habe ich im Internet nachgeschaut, und tatsächlich, es gibt ihn, den Pet-Stroller-Kinderwagen für Hunde-Buggy. Diese Neuheit kommt aus den USA. Ist man in diesem Land eigentlich dem kollektiven Wahnsinn verfallen? Wenn ich Innenminister wäre, würde ich die Pet-Stroller nicht ins Land lassen. Schäuble sollte sich mal drum kümmern. Zum Glück will er ja einiges an unserer Verfassung ändern, da müsste auch ein Maßnahme gegen Pet-Stroller möglich sein. Die schon ins Land eingedrungenen Pet-Stroller könnte er abschießen lassen, egal ob ein Hund drin sitzt oder nicht. Das wäre dann eben ein Kollateralschaden. Es geht um höhere Werte. Wenn nämlich demnächst die besseren Damen mit ihren Tölen im Pet-Stroller die ihnen und ihrem Schoßhund angeborenen Vorrechte gelten machen, das wird der blanke Terrorismus. Lieber lasse ich mich zehnmal von einem Kinderwagen überrollen als dass ich noch einmal einer Tusse mit einem Pet-Stroller begegnen wollte.

In der Innenstadt fuhren von allen Seiten Polizeiwagen auf. Es hatte jedoch noch nichts mit den Pet-Strollern zu tun. Auf dem Markt war eine Demonstration für Patientenrechte. Etwa 25 Leute hatten einen weiten Halbkreis um eine Engländerin gebildet und hielten Pappschilder hoch, worauf sie zum Bsp. die Gesundheitsministerin zu mehr Patientenrechten aufforderten. Die Engländerin sprach ein Punkteprogramm in ein Standmikrophon, und neben ihr stand eine junge Frau und dolmetschte zwischendurch. Allerdings war ihrer Übersetzung kein direkter Sinn zu entnehmen. Überall lungerten gelangweilte Polizisten herum. Auf einen Demonstranten kamen mindestens drei Bewacher.

Was ist eigentlich los in diesem Land? Hat die Polizei nichts Besseres zu tun? Und seit wann besteht eine Demonstration aus 25 Leuten und lässt ihr Anliegen von einer Engländerin vortragen, die sich keinen Deut drum kümmert, ob man sie überhaupt versteht? Auf Radio Caroline singt John Lennon gerade “Power To The People”. Das ist eine ziemlich anachronistische Botschaft. Lennon ist jetzt 26 Jahre tot. Und mir ist auch schon ganz schlecht.

Guten Abend
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Offener Tadel und geheimes Frauenlob

Wido sagte: "Hat Gott kein Mitleid mit den Toma? Andere Völker kennen die Schrift. Nur die Toma bleiben unwissend." Gott sprach: "Ich fürchte, daß ihr keine Achtung mehr vor dem Glauben und den Überlieferungen haben werdet, wenn ihr fähig seid, euch schriftlich auszudrücken." "Gar nicht", erwiderte Wido, "wir werden weiterleben wie vorher. Ich verspreche es." "Wenn es so ist", sagte Gott, "will ich euch die Kenntnis der Schrift gewähren, aber nehmt euch in acht, dass ihr sie nicht einer Frau verratet." (aus: Gelb,I.J.; A Study of Writing, Chicago 1952)
Es muss einmal gesagt werden, dass auch der Abt Johannes Trithemius nicht besonders gut über die Frauen dachte, und so warnt er in der Praefatio zur „Steganographia“, seine Geheimschrift, die Steganographie, bringe die eheliche Treue in Gefahr, denn mit Hilfe der Verschlüsselung könnte ein Liebhaber der untreuen Ehefrau geheime Botschaften zukommen lassen, „wobei der Ehemann noch den Überbringer machen und den Inhalt loben würde. Auf eben dieselbe Weise könnte die Frau ganz unbesorgt ihre Wünsche in beredeten Worten zurücksenden.“

Weil die Einstellung des Abtes zu den Frauen durchaus tadelnswert ist, zeige ich heute nicht seine Steganographie, sondern eine andere Geheimschrift: die "Freimaurerische Winkelschrift". Wer die Botschaft entschlüsselt, wird eine Ehrenrettung der Frau durch den Kaffeeröster Albert Darboven lesen können.
geheimschrift

Das Konstruktionsprinzip der Freimaurerischen Winkelschrift ist recht einfach, weshalb der Universalgelehrte Giambattista della Porta sie hochmütig als Schreibweise verspottete „derer sich Landleute, Dämchen und sogar Kinder bedienen könnten.“

Konstruktionsprinzip18 Buchstaben des Alphabets stehen paarweise in einer Matrix. Es fehlen „j“, „k“, „u“ und „w“, denn sie sind historisch gesehen erst später dem lateinischen Alphabet zugefügt worden. Das kleine „i“ ist ein Halbvokal und kann „i“ oder „j“ bedeuten, „c“ hat zwei Lautwerte, "c" oder „k“. Das „u“ ist ebenfalls ein Halbvokal und kann „u“, oder „v“ bedeuten. Mit dem doppelten „u“ kann man das „w“ schreiben. U-x-y-z haben eine eigene Matrix. Zum Verschlüsseln zeichnet man jeweils das zugehörige Winkelelement. Der 2. Buchstabe im jeweiligen Feld der ersten Matrix wird mit einem Punkt angezeigt. Zum Entschlüsseln liest man die Buchstaben aus den Matrixen aus. Das ist kinderleicht, kann jeder Landmann und erst recht jedes „Dämchen“. (Schriftwelt im Abendrot)
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Gib mir einen Stock, einen Schirm oder etwas Ähnliches

Es war ein seltsames Gefühl, in die menschenleere Buchhandlung zu gehen, derweil gegenüber im Elisengarten die Leute auf der Wiese lagen. Doch ich musste mir einen neuen Duden kaufen, denn mein Exemplar von 2004 ist leider veraltet.

Die Halbwertzeit der deutschen Orthographie ist in den Jahren seit der Reform deutlich gesunken. Zum 1. August 2006 wurden einige der Neuregelungen zurückgezogen, und glücklich, wer sich diese schimärenhaften Schreibweisen erst gar nicht angeeignet hat. Ob nun endlich Ruhe im Karton ist?

Wenn dir ein guter Freund auf der Straße begegnet, und er hat sich gerade eine Glatze rasieren lassen, dann bist du mit Recht eine Weile befremdet. Doch bleibt er auf Dauer kahlköpfig, gewöhnst du dich daran. So geht es natürlich auch mit den reformierten Schreibweisen. Und wenn die Schülergenerationen herangewachsen sind, die nach den jetzigen Regeln das Schreiben gelernt haben, werden einige in dieser Orthographie dichten oder lesenswerte Romane schreiben. Spätestens dann sind all jene Reformgegner der Torheit überführt, die behauptet haben, die Orthographiereform sei ein Anschlag auf die deutsche Sprache.

Mediterraner Müßiggang vor dem Café am Münsterplatz, - ich blättere im neuen Duden. Wer mag sich bei hochsommerlichen Temperaturen im April noch darüber ereifern, ob man „kennen lernen“ oder „kennenlernen“ schreiben soll? Die Reform verlangte ursprünglich die Getrenntschreibung. Ich muss zugeben, dass mir die Trennung des Begriffs glatzköpfig vorkam, als ich sie kürzlich in einem Manuskript überall dort angestrichen habe, wo sich die Autoren nicht hatten fügen wollen. Zum Glück habe ich mit Bleistift korrigiert und darf und kann jetzt alles wieder rückgängig machen. Die neue amtliche Rechtschreibung sieht zwar bei Verb+Verb-Zusammensetzungen weiterhin die Getrenntschreibung vor. Für „kennenlernen“ gilt jedoch seit 2006 eine Ausnahme. Man darf es sowohl zusammen als auch getrennt schreiben. Vermutlich war die Rücknahme von „kennen lernen“ ein Bauernopfer. Man hat diesen heiß umstrittenen Brocken den Kritikern zugeworfen, damit sie endlich Ruhe geben. Es gibt im neuen Duden noch weitere Bauernopfer zu besichtigen, denn um den Streit beizulegen, lässt die amtliche Schreibung jetzt eine Fülle von Doppelformen zu.

leicht02Im Duden von 2004 waren alle neuen Schreibweisen in rot gedruckt. Wegen der vielen neuen Doppelformen hat die Dudenredaktion in der 24. Auflage eine weitere Farbe eingeführt: „In allen Fällen, in denen die neue Rechtschreibung mehrere Schreibweisen zulässt, ist die von der Dudenredaktion empfohlene Schreibweise gelb unterlegt.“
(Hinweis zur WB-Benutzung)

Ziemlich buntscheckig ist die neue Orthographie. Eine solche Entwicklung hätte sich Konrad Duden nicht träumen lassen. Für das Gegenteil, die von ihm angestrebte Einheitsschreibung, hat er manchen Kompromiss machen müssen. Hundert Jahre nach der ersten amtlichen Rechtschreibung ist man im deutschen Sprachraum nicht mehr kompromissbereit genug, den Unsinn der Doppelformen zu vermeiden. Der Dudenverlag hat ja mit der Reform sein Monopol auf die amtliche Rechtschreibung verloren. Die gelb unterlegten Schreibweisen sind nur Empfehlungen. Andere Wörterbuchmacher legen die amtlichen Regeln eventuell anders aus. Deshalb müssen in den Redaktionen und Verlagen wieder Hausorthographien eingeführt werden, wenn man nicht verschiedene Schreibweisen nebeneinander gelten lassen will. Dieser an sich unerwünschte Nebeneffekt der verkorksten Reform könnte jedoch bewirken, dass die Deutschen ihre sprachmagische Fixierung auf „Rechtschreibung“ aufgeben und ein wenig mehr Toleranz walten lassen. Die Klimaerwärmung wird dabei helfen. "Wenn de Sonn schön schingt ..."

Es ist durchaus unterhaltsam, im Duden zu lesen, besonders wenn man bei einem Kaffee im Halbschatten lichtgrüner Bäume sitzt. Die Beispielsätze im Regelwerk sind wie kleine Romane aus der Abteilung „Linguistenpoesie“:

Kommaregeln bei Konjunktionen (K 111):
- „Mein Onkel, ein großer Tierfreund, sowie seine 14 Katzen leben jetzt in einer alten Mühle.“
- „Der Becher war außen wie innen vergoldet.“
- „Gib mir einen Stock, einen Regenschirm oder etwas Ähnliches.“

Solche Sätze beflügeln die Phantasie oder die Fantasie oder etwas Ähnliches.

Guten Abend
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Paarung wirkt auf die Partner

Prospektbeilagen in Zeitungen sagen oft mehr über den Zustand unserer Kultur als die Zeitungen selbst, da man sich in den Redaktionen zunehmend dem Mainstream verschrieben hat und viel zu selten auf den realen Alltag schaut. Prospektbeilagen gehören zur so genannten grauen Literatur. Sie wird übrigens von der Deutschen Nationalbibliothek gesammelt, falls zukünftige Historiker etwas über den Zeitgeist unserer Tage erfahren wollen. Mit einem „schrägen Blick“ auf die Dinge lässt sich auch jetzt schon eine Ethnologie des Alltags betreiben.

Auffällig an den aufregend typographierten Prospektbeilagen ist die gleichgültige Propaganda für jedwedes Produkt, wobei die Gleichgültigkeit sich oft in gedankenloser Sprachverwendung und in kuriosen Zusammenstellungen findet, wie auch in diesem Beispiel:

Grönemeyer

real,- vom 16. April 2007; Aufmacher Seite 1:
„Frischer Schweinenacken“ und Grönemeyer (rechtes Bild)

Das gleichgültige Nebeneinander der Dinge in den Prospekten korrespondiert mit dem gleichgültigen Nebeneinander der Werte in unserer Gesellschaft, in deren Folge sich alle Werte nivellieren, - wie es auch zum Ausdruck kommt, wenn bei YouTube tagelang das Saddam-Hinrichtungsvideo in der Rangliste neben Paris Hilton auftaucht, wobei sie nur exemplarisch steht für die anderen globalisierten Medientussen, deren Namen mir nicht geläufig sind, aus Gründen der Psychohygiene.

(Zirkus des schlechten Geschmacks)
2046 mal gelesen

Herzlich willkommen in der neuen Teppichhausfiliale!

TrithemiusEroeffnung01


trithemius bibliothek1

Liebe Besucherinnen und Besucher, liebe Gäste

sollten Sie sich zu einem Kommentar hinreißen lassen, dann muss ich Ihnen vorsorglich mitteilen, dass alle Kommentare unter die gleich folgende Plauderei mit Frau Nettesheim eingebaut werden. Auf diese Weise schreibt der Text sich fort - und wird ein hübsches Dokument der Eröffnungsparty sein.

Gleich geht's los ...
2028 mal gelesen

Die Dielen sind gewienert - das Büfett ist eröffnet - die Musik spielt auf Wunsch!


fest trithemius

TrithemiusEroeffnung03

trithemius-Frau-NettesheimTrithemius
Sie wibbeln ja, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Martin Kurzweils Tanzmusik zur Eröffnung der neuen Filiale ist einfach mitreißend.

Trithemius
Ja, finde ich auch. Und ich liebe Frauen, die wibbeln. Wenn die Natur sich Bahn bricht, dann sind Frauen besonders schön, finden Sie nicht?

Frau Nettesheim
Sind Sie bekifft, Schmecklecker?

Trithemius
Wer, ich? Das glaube ich nicht.
Oder meinen Sie mit Schmecklecker den Becker?

Frau Nettesheim
Ich kanns nicht fassen, wer hat den denn reingelassen?

Trithemius
Er ist durch den Lieferanteneingang gekommen und hat das Bier gebracht. Und jetzt hat er sich in unser schönes neues Teppichhaus gemogelt. Mist! B-Promis haben eigentlich keinen Zutritt.

Frau Nettesheim
B-Promi? Das wird er nicht gerne hören.

Trithemius
Jeder, der sich für Produktwerbung verdingt, ist für mich ein B-Promi. Ich verstehe das gar nicht. Wie kann man sich nur so klein machen? So einen Preis möchte ich mir jedenfalls nicht an den Arm binden lassen. Davon kriegt man bestimmt ein Tennisarmsyndrom. Na, egal, soll er sich ein paar Brötchen verdienen. Übrigens, vielen Dank für die Schnittchen, Frau Nettesheim. - - - Jetzt wibbelt sie wieder.
Frau Nettesheim? ... Frau Nettesheim! Ich muss noch mal kurz weg und rasch ein paar Seiten aus "Geht in Ordnung - sowieso - genau" vorlesen.

Frau Nettesheim

Was?!

Trithemius
Ich muss kurz weg!

Frau Nettesheim
Wieso Speck? Sie sind doch Vegetarier und ziehen ihre Stimmbänder durch den Honigtopf.

Trithemius

das ist nicht nötig, im Ano-Teppichladen geht es nur ums Saufen, da kann meine Stimme nicht brüchig genug sein.


Der ANO Teppichladen
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