Dosenpfand & kleine Finger - Fahrt mit Linie 9 (3)

Folge 1 - Folge 2

Kann ja nur noch besser werden unter Hannovers Erde. Die nächste Station heißt „Markthalle/Landtag“. Sie ist hübsch verklinkert. Hier steigt auch schon mal einer im feinen Zwirn zu oder eine Dame mit Ringen an allen Fingern und botox-erstarrter Miene. Kann aber auch die Wirkung des Alkohols sein, der die Dame in der Markthalle zugesprochen hat.

Die Markthalle heißt im Volksmund „Bauch von Hannover“. Dort an den exquisiten Sauf- und Fressständen trifft man sich gern, um zu sehen und gesehen zu werden. Gerhard Schröder war früher manchmal zu Gast, und Trittin hat da angeblich beim 13. Prosecco das Dosenpfand erfunden. Im Bauch von Hannover muss man die Nase hoch tragen, sonst fällt man durch. Aber meine Bahn ist schon längst drunterweg, also kann ich einfach nur sitzen und mein Blöckchen vollkritzeln mit nassforschen Behauptungen.

Es folgt die Station Kröpcke. Diese U-Bahnstation unter dem Stadtzentrum ist nach einem Kellner benannt, hat zwei Etagen und ist der Knotenpunkt der Stadtbahnen von Hannover. Sie ist hübsch gestaltet, hat winzige Mosaiksteichchen überall und vier unmenschlich lange Rolltreppen, auf denen ich immer Höhenangst kriege.

Kröpcke

Die weitläufige Anlage ist schon ewig Baustelle. Und ich habe gehört, vor allem das Bekleben mit den Mosaiksteinchen halte so lange auf. Man kann ja leider keine burmesischen Kleinkinder damit beschäftigen.

Viele steigen hier aus oder um, auch der Buchleser. Seinen Platz nimmt ein zartes, schwarzes Mädchen ein. Sie schaut mit runden Augen so ängstlich in die Welt, dass ich mich gar nicht traue, sie in mein rotes Notizbuch zu schreiben.

Fortsetzung Grüß mir den Kartoffelbrei
2386 mal gelesen

Rein in die Wassersenke - Fahrt mit der Line 9 (2)

Folge 1

Da kommt die grüne Straßenbahn behäbig die Davenstedter Straße herunter. Die beiden Wagen sind locker besetzt. Ich finde einen Einzelplatz im Triebwagen. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann mit einem großen Buch auf dem Schoß. Er ist fast darüber zusammengesunken, und damit er nicht die Zeile verliert, hält er mit dem rechten Zeigefinger einen Lang-DIN-Briefumschlag darunter. An diesem Finger hat er einen silbernen Ring. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt auf seiner Höhe ein Schwarzer. Er hat sich quer gesetzt, dem Gang zu. Gelegentlich sagt er etwas, aber der Buchleser reagiert nicht. Er ist auch gar nicht gemeint. Der Schwarze hat Stöpsel in den Ohren und telefoniert.

Hinter der Haltestelle „Schwarzer Bär“ rollen wir über die halbfertige Benno-Ohnesorg-Brücke. Rasch zieht die Ihme dahin, als wäre es ihr peinlich, dass sie sich mit ihrem schlammigen Wasser so breit gemacht hat. Man hat hier im Herbst begonnen, einen Teil des Ufers abzugraben, um den Flaschenhals entlang des Ihmezentrums zu erweitern, ist aber mit dieser Hochwasserschutz-Maßnahme nicht weit gekommen, weil zuerst ein paarhundert Bäume abgeholzt werden mussten, was viele Lindener erbost hat. Anfangs konnte nur unter massivem Polizeischutz gearbeitet werden.

Oberirdisch fährt die Linie 9 gerade mal 20 Stundenkilometer, aber wenn sich die Bahn über die provisorische Gleisführung der Benno-Ohnesorg-Brücke geschlängelt hat, rast sie die Rampe hinunter zum U-Bahnhof Waterloo. Die meisten Leute sprechen die Station englisch aus, denken vermutlich, sie ist nach Abbas Eurovisons-Hit benannt. Aber Waterloo ist ein Dorf in der belgischen Provinz Brabant, und die flämische Ortsbezeichnung bedeutet Wassersenke. Oberhalb der U-Bahnstation Waterloo befindet sich ein ehemaliger Exerzierplatz, heute eine große Rasenfläche, in deren Mitte sich eine 46,31 Meter hohe Siegessäule erhebt. Da filmte ich mal eine Polizei-Effekt(s)-Show. (Siegessäule bei 0:14 Sekunden).



Die sehe ich aber nicht, bin schon unter der Erde im weiß Gott hässlichsten U-Bahnhof Hannovers, zwei Bahnsteige und schmutzig grauer Beton, ohne jeden Schmuck. Hier steigt kaum jemand ein oder aus, warum auch? Im Sommer habe ich entdeckt, dass man mit dem Fahrrad durchfahren kann zur anderen Seite der vierspurigen Lavesallee. Dabei wird man gewiss gefilmt, denn die Zufahrt ist direkt neben dem niedersächsischen Innenministerium.

Fortsetzung
Dosenpfand und kleine Finger
2515 mal gelesen

Die Uhr wird geputzt - Eine Fahrt mit der Line 9 (1)

„Wer schreibt, der bleibt“, sagt der Mann im Schreibwarengeschäft, als ich bei ihm ein rotes Notizblöckchen kaufe. 14 Uhr Lindener Markt. Die Uhr an der Haltestelle wird gerade geputzt. Welch ein herrliches Land, in dem die Uhren geputzt werden. Andernorts fallen die Vögel vom Himmel, manche sehen schon die Apokalypse heranwabern, und hier werden die Uhren geputzt. Das ist doch eine hoffnungsfrohe Zukunftsgeste, die nicht einmal viel kostet, denn Gebäudereiniger arbeiten im Niedriglohnsektor, verdienen laut Tarif 8,55 Euro die Stunde.

Uhr-wird-geputztIch will mit der Straßenbahnlinie 9 bis zum Endhaltepunkt „Fasanenkrug“ fahren. Die Sonne steht schon so tief, dass die Splitkörnchen auf dem Bürgersteig bizarre Schatten werfen. Die Uhren werden geputzt, aber auf den Bürgersteigen knirscht der Split. Eine Frau im dicken Mantel geht vorbei und ruft mir ein freundliches "Hallo" zu. Fast hätte ich sie nicht erkannt. Freilich habe ich die schöne Kurdin noch nie auf freier Wildbahn gesehen, sondern immer nur hinter der Theke im Kioskladen. Der ist so etwas wie der Lindener Supermarkt für Notfälle, hat eigentlich immer auf, und man kann mehr dort kaufen, als man vermisst. Ich kaufe da manchmal Tabak, und die schöne Kurdin greift schon danach, wenn ich reinkomme, kann sich aber partout meine Blättchenmarke nicht merken, fragt jedes Mal nach. Sollte im Dezember 2012 die Welt untergehen, wird sie es immer noch nicht wissen. Aber eins ist sicher, der Kiosk hat beim Weltuntergang auf. Man kann auf der verlinkten Internetseite übrigens abstimmen, ob man den Weltuntergang haben will. Ist doch nett, dass man wenigstens gefragt wird.

Fortsetzung:
Rein in die Wassersenke
2363 mal gelesen

Der Taliban schunkelt nicht - im Zirkus des schlechten Geschmacks - und ich beiß in meinen Schuh

Eines Morgens werde ich wach, da ist mein Humor weg, die heitere Gelassenheit zog gerade als letzte die Tür hinter sich zu. Es war wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Ich habe das Pack aber nicht verfolgt. Man weiß ja, wie das endet. Freitags wird bei uns im Haus immer die Treppe geputzt. Ich habe keine Lust mit einem Eimer von Putzwasser kaltgestellt zu werden, während der Witz, die blöde Albernheit und die heitere Gelassenheit quasi trockenen Fußes über die nassen Stufen in den Keller eilen. Der habe ich aber noch hinterher gerufen: „Was soll der Quatsch? Warum schließt du dich diesen Weicheiern an?! Ich gebe zu, es gibt in dieser Welt nicht mehr viel zu lachen. Aber das hier ist Fahnenflucht.“

zirkus schlechten GeschmacksMan könnte sich ein Beispiel an Verteidigungsminister zu Guttenberg nehmen. Der ist das, was man in Köln einen Jrielächer nennt. Bleckt immer die prächtigen Zähne. Aber der Mann ist Kriegsminister und muss sich ab und zu in Afghanistan sehen lassen. Da läuft er natürlich nicht als Jrielächer herum, das haben ihm seine Medienberater längst abgewöhnt. Guttenberg kann auch die Stirn runzeln oder eine Betroffenheitsmiene ziehen. Aber sobald er raus ist aus Afghanistan, wird er wieder zum Jrielächer. Da kommt die alte Raubrittermentalität durch, von wegen Spaß am Wirtschaftskrieg und so.

Im letzten Sommer hat der Aachener Karnevalsverein (AKV) den „adligen Baron“ zum Ordensritter wider den tierischen Ernst 2011 ausgerufen. Und der geschmeichelte Herr zu Guttenberg hat natürlich angenommen, - ohne wenigstens einmal darüber zu schlafen. Aber jetzt ist ihm die Sache nicht mehr geheuer. Seine Medienberater haben ihm nämlich gesagt, dass es ganz blöd käme, wenn die Bundeswehr versehentlich eine Schule bombardieren lässt und er steht feixend im „Narrenkäfig“ und reißt grad einen zünftigen Landserwitz. Oder ein anderes Szenario des politischen Selbstmords: Bundeswehrsoldaten fallen im Kampfeinsatz, derweil sich der jrielaachende zu Guttenberg von den Höppemötzjer umtanzen lässt.

Im Vorstand des Aachener Karnevalsverein beißen sie sich die Fingernägel ab, denn Aachens High Society reißt sich um die letzten Karten zu närrischen 1111,11 Euro, um zu Guttenberg zu sehen. „Guttenberg sprengt Saal-Kapazität des AKV“, titelt AZ-Redakteur Robert Esser. Und zitiert: „’Die Nachfrage bei den Eintrittskarten für die Fernsehsitzung übersteigt unsere Saalkapazität im Eurogress um ein Vielfaches’“, erklärt der Präsident des Aachener Karnevalsvereins, Dr. Werner Pfeil, am Dienstag bei der Vorstellung des kompletten Sessionsprogramms.“

Es könnte also auf den 1246 ausverkauften Plätzen des Aachener Eurogress nahezu wunderbar werden, herrlich und allemal die lächerlichen 1111,11 Euro wert. Aber, eventuell kommt der adelige Karl-Theodor überhaupt nicht nach Aachen. Deutschland führt Krieg. Und Karl Theodor ist verantwortlich. Das hätten sich die Aachener Lackschuhkarnevalisten natürlich denken können, als sie zu Guttenberg zum Preisträger gekürt haben. Man holt auch keinen Stürmer mitten im Spiel vom Platz, um ihn zum Krawattenmann des Jahres auszuloben. Hat der Vorstand des AKV gedacht, dass der Taliban zu schunkeln anfängt, wenn der AKV wieder mal seiner Großmannssucht frönen will und quasi den deutschen obersten Heerführer in den Narrenkäfig steckt? Ich weiß ja nicht, wann der Taliban lacht und worüber. Aber wenn die im Internet sehen, wie sich der deutsche Verteidigungsminister in einem Raubritter-Kostüm in den Narrenkäfig zwängt. Wenn ich Taliban wäre, ich fänd's lächerlich.

Und was für ein Sicherheitsproblem hat sich der AKV eingehandelt. Man stelle sich vor: Während der Karnevalssitzung sagt der Moderator: „Das, liebe Närrinnen und Narren, war wieder einmal ein hochklassiger Vortrag, das verdient eine Rakete. Kommmando 1!, Kommando 2!, Kommando 3!“ - Und dann kriegen die Lackschuhkarnevalisten ihre Rakete. Nicht auszudenken.

Es gibt eine Menge Imponderabilien im Fall des neuen Ordensritters wider den tierischen Ernst. Das hat auch der AKV inzwischen eingesehen und einen Plan B, wie der Redakteur der Aachener Zeitung weiß: „Falls zu Guttenberg bei den Aachener Jecken am 19. Februar (Fernsehübertragung ARD, Montag, 21. Februar, 20.15 Uhr) nicht persönlich auf der Bühne in die Bütt steigt, soll ein Knappe den Orden stellvertretend entgegennehmen. Dieser Plan B sieht natürlich ebenfalls eine prominente Persönlichkeit vor. Welche das - im Fall des Ausfalles - sein könnte, will der AKV natürlich noch nicht verraten. «Wir gehen davon aus, dass zu Guttenberg selbst kommt», heißt es.“

Wenn es nicht „zu Guttenberg selbst kommt“, welche „prominente Persönlichkeit“ sollte „den Orden stellvertretend übernehmen“? Kein prominenter Politiker würde sich trauen. Alle kämen ins gleiche schlechte Licht wie zu Guttenberg, wenn der Krieg über den Ordensübergabe-Quatsch hereinbräche. Da bleibt nur einer, dem nichts mehr weh tut - Ausbilder Schmidt: "Guten Morgen, ihr Luschen!"

„Also“, sagt die heitere Gelassenheit, „das ist mir alles zu schmuddelig“, dreht sich um und haut auch ab. Ich könnt’ in meinen Schuh beißen.
2184 mal gelesen

Dioxin-Skandal - 5 % der Deutschen akut gefährdet!

Westerwelle-dioxindioxin

Guido W. (50), hatte alles, was das Herz begehrt. Er war Krawattenmann des Jahres 2001. Er hatte ein Guidomobil mit Spitzendeckchen. Er hatte spätrömische Dekadenz. Doch mit einem Schlag hat sich sein Leben dramatisch verändert: Diagnose DIOXIN-Schock. Wahrnehmungsstörungen. Realitätsverlust. Alektorophobie (Angst vor Hühnern). Es kann jeden treffen, aber es traf ihn. Guido W. ist ein gebrochener Mann. „Ich würde auch arbeiten gehen“, sagt er, „aber ich bin ja Außenminister.“

Bildquelle: ARD.de
1930 mal gelesen

Die medialen Stinkstiefel erwischen dich überall

zirkus schlechten GeschmacksGestern las ich im Fahrgastfernsehen der Hannöverschen U-Bahn, ein Herr Menowin Fröhlich sei der nervigste Prominente. Da habe ich mich gefragt, wie mich einer nerven soll, den ich gar nicht kenne. Später sah ich im Internet, dass die Information von Stern.de stammt. Man hat nach den nervigsten Prominenten 2010 gefragt, und 18.000 User hätten abgestimmt. Menowin Fröhlich hat gewonnen und kann sich freuen. Jetzt kenne ich seinen komischen Namen auch. Muss man mich eigentlich mit diesem Unsinn nerven, wenn ich bloß ganz harmlos Bahnfahren will? Sollte nicht wenigstens der öffentliche Raum frei sein von solchen Nullinformationen?

Die Medien, Fernsehen und Illustrierte voran, haben diesen Mann doch erst ins Rampenlicht gehoben und somit seinen Prominentenstatus erfunden. Stern.de hat im Jahr 2010 ganze 39 mal über Menowin Fröhlich berichtet. Und jetzt sagen sie uns, das wäre der Nervigste. Das ist, als würde ein Bauer auf seinen Feldern Jauche versprühen und anschließend im Dorf darüber abstimmen lassen, was den Leuten am meisten stinkt, Schweine-, Hühner- oder Rindviehjauche. Dann rennt er mit einer Glocke rund und ruft aus: "Es ist die Hühnergülle!"

Und wie das Vieh immer neue Jauche produziert, setzen unsere Leitmedien ohne Unterlass eine elend lange Reihe peinlicher Promis in die Welt, und bei jeder neuen Knallcharge fragst du dich, wo kommen solche Leute bloß her? Wo und wie finden die Medien das Gesocks? Etwa alle in der Verwandtschaft? Es gib so ziemlich keinen der so genannten Promis, mit dem ich gesehen werden wollte. Das sind doch überwiegend Leute, die man nicht mal kennen möchte. Manche kenne ich zum Glück gar nicht. Vor Jahren tauchte in der Harald-Schmidt-Show einer auf, der von Schmidt als der große Moderator ausgerufen wurde. Ein Herr Irgendwie Jabbatei. Dass der prominent war, konnte ich gar nicht glauben. Den Mann hatte ich noch nie gesehen. Dann kam raus, er moderierte „Frühstücksfernsehen“. Frühstücksfernsehen? Wer guckt denn so was? Wer lässt sich am heiligen Morgen schon mit dümmlichem Gelabere das Gehirn zuscheißen? Schlimm genug, wenn es abends passiert und Alpträume drohen, in denen diese Prominenten auf dich eindringen und ihre abscheulichen Faxen direkt vor deiner Nase machen, ihre hirnlosen Ergüsse direkt in deine Ohren absondern.

Schaut man sich an, wer in Deutschland Promistatus hat, wer von morgens bis abends vorgeführt, bejubelt oder geschmäht wird, dann sollte man denken, wir leben in einer Irrsinnskultur. Und gänzlich fernhalten kann man sich von diesem Irrwitz nicht. Selbst wenn man kein Fernsehen guckt, die Bunte auch beim Friseur verschmäht, keine Baumarkteröffnung besucht, sie erwischen dich doch, und wenn die Stinkstiefel dir in der U-Bahn ungebeten ihren angeblich nervigsten Promi unter die Nase reiben – aus dem Zirkus des schlechten Geschmacks.
1999 mal gelesen

Drielandenpunt - Nachtschwärmer online - Folge 5

Nachtschwärmer

Nachtschwärmer online - Folge 5: Drielandenpunt
Buch / Erzähler: Trithemius, Musik: Martin Kratochwil
Fortsetzung folgt
1500 mal gelesen

Wegen einer Betriebsstörung fällt die heutige Nachtdraisine aus - Nachtschwärmer online 4.2

Sollte eigentlich ein Nachtschwärmer folgen. Aber mir ist nicht danach. Vielleicht geht es Sonntag weiter, aber für heute will ich mich begrenzen und meine Truppen versammeln. Um es in ein Bild zu fassen: Die Gleisstrecke nach Moresnet ist gerade schrecklich vereist. Bei Vereisung der Strecke fährt auch die Deutsche Bahn nicht. Ich könnte hier nur noch ein bisschen schriftliches Geplauder bieten, quasi als Entschädigung für die ausgefallene Fahrt mit der Draisine.



Verehrte Kundschaft,
wegen anhaltenden Schneefalls und zunehmender Vereisung war das Befahren der Strecke Aachen-West - Moresnet - Plombiers und so weiter vergangene Nacht nicht möglich, - wobei Plombieres keinen Bahnhof hat, sondern nur Erwähnung findet, weil sich oberhalb des Ortes eine stählerne Brücke befindet, die sich auf mächtige gemauerte Pfeiler stützt, die ihrerseits so unfassbar hoch sind, dass es ein unverantwortliches Risiko wäre, die Strecke mit Ihnen an der Seite zu befahren. Dort oben ist nicht nur die Vereisung der Strecke schrecklich, es bläst auch ein sibirischer Wind.

Aus diesem Grunde bieten wir Ihnen hier lediglich noch einige Minuten Wortgeplänkel, das, wenn Sie viel Phantasie haben, so ähnlich klingen mag wie das leise Rattern der Räder unserer allseits beliebten Nachtdraisine. Sie wissen schon, an den Nahtstellen macht es tocktock. Es ist fast das gleiche Geräusch wie das einer Tastatur. Allerdings geben wir zu bedenken, dass unser Tastaturbediener einen deutlich schnelleren Rhythmus hat. Falls Sie in diesem Text Tippfehler finden, dann denken Sie daran, es liegt am Winter. Vereisung der Tasten, nichts zu machen. Selbst im innerstädtischen Bereich, (wobei sie das Wort "innerstädtisch" nicht ganz ernst nehmen dürfen und das Wort "Bereich" eigentlich unnötig ist), also selbst innerhalb der Stadt ist die Strecke nicht sicher.

Wir haben die örtlichen Verhältnisse hochgerechnet, das heißt, wir haben uns nicht per Augenschein davon überzeugen können, wie es nun wirklich ist oben auf der zugigen Brücke hoch über dem Flüsschen Geule. Die Geule ist zugefroren, in jedem Fall, doch ein Rinnsal ist sie nicht. Nur, wenn Sie jetzt hoch oben auf der Draisine säßen und würden einen Blick hinab werfen ins Tal, was wiederum nur ginge, wenn Sie absolut schwindelfrei sind; bei einem solch gewagten Blick hinab ins Tal hätten Sie den fälschlichen Eindruck, dass die Geule ein kleines eisiges Rinnsal ist. Sie hätten jedoch wahrscheinlich kaum den Mut, sich über den Rand der Draisine zu lehnen; es sei denn, man hielte Ihre Hand. Nicht allein wegen der ungewöhnlichen Höhe der Brücke, sondern auch wegen der eisigen Böen aus östlichen Richtungen, die Sie hinabzufegen drohen. Schade, es hätte dramatisch oder immerhin romantisch werden können, wenn die Bahnverwaltung die Fahrt nicht untersagt hätte.


P.S.: Inzwischen hat uns die belgisch hoheitliche Bahnverwaltung für die Provinz Lüttich mitgeteilt, dass man in spätestens ein, zwei Monaten die verwaltungsmäßigen Vorbereitungen getroffen haben wird, damit die landesweite Ausschreibung über die Vergabe der Enteisungsarbeiten auf der Brücke von Plombieres zügig vorangetrieben werden könne.
Lediglich die Zustimmung der Zentralbehörde in Brüssel zu dem eigens für diesen Notfall entwickelten 7-seitigen Formblatt in den drei Amtssprachen des belgischen Königreiches müsse noch abgewartet werden. Der König aller Belgen werde danach unverzüglich siegeln.

P.P.S.: Sollten sich jedoch die Witterungsverhältnisse rasch ändern, wenn der Wind zum Beispiel auf West umschlagen würde, wodurch er höhere Temperaturen brächte, da er von der nahen Nordsee und dem Golfstrom darin aufgewärmt wird, dann jedoch, bei laueren Winden, würden die Ausschreibungsvorbereitungen unverzüglich gestoppt. Das Siegel des Königs würde man aus der Vorlage entfernen und in einen Panzerschrank legen, wo es fortan unberührt verrotten dürfe. Also, in diesem durchaus wünschenswerten Fall werde die Strecke wieder frei gegeben, ohne dass man die Enteisungsarbeiten durchführt. Das Befahren geschähe dann auf eigene Verantwortung.

1913 mal gelesen

Zwischendurch - Vom Anfang und vom Ende - Nachtschwärmer online 4.1

Die Maastrichter Laan, von Westen kommend, wird beim Grenzübertritt im kleinen niederländischen Grenzort Vaals zur Vaalser Straße. Mit ihr beginnt die berühmte Bundesstraße 1. Einst führte diese 2000 Jahre alte Handelsstraße von Aachen bis Königsberg. Unterwegs macht die B1 einiges mit. Schon hinter Jülich verschwindet sie in einer Braunkohlegrube. Als junger Mann bin ich noch über die B1 durch das Dorf Lich-Steinstrass gefahren. Da wankten nur alte Mütterchen vor den zugenagelten Fenstern über den Gehsteig. Denn kurz danach sollte Lich-Steinstrass mitsamt der Bundesstraße 1 weggebaggert werden.

Ach, jetzt sind wir schon viel zu weit im Osten der B1.

Nochmal auf Los. - An der Deutsch-niederländischen Grenze bei Vaals beginnt die Bundesstraße 1. Sie steigt an - sie kommt ja aus den Niederlanden - überwindet bei Gut Kullen eine Kuppe und taucht dann schnurgeradeaus in den Talkessel von Aachen ein. „Vaals“ bedeutet übrigens "Tal". „Aachen“ bedeutet „Wasser“, - so schlicht sind die geographischen Namen.

Wo die B1 ihr wassersüchtiges Gefälle bekommt, durchschneidet sie den Aachener Westfriedhof. Beide Friedhofshälften sind durch eine alte Fußgängerbrücke verbunden. Die kleinere südliche Hälfte ist älter als die nördliche. Hier werden nur ganz bestimmte Personen begraben. Da ich diesen Personenkreis nicht kenne, hatte ich auch nie einen Anlass, durch den Torbogen zu gehen.

An einem grauen Tag im Herbst, an dem es nicht hell werden wollte, - ich war in düsterer Stimmung, - an diesem trüben Tag setzte ich mich aufs Rad und fuhr durch den kalten Dunst Richtung Niederlande. Der Weg führt an der Güterbahnlinie entlang, auf der ich vor einem halben Jahr und mehr, den „Nachtschwärmer Online“ fahren ließ.

Wo die Bahnlinie die Vaalser Straße kreuzt, bog ich ein. Da lag der Westfriedhof in der Dämmerung, und statt weiter zu fahren, querte ich die Straße und schob mein Rad durch die Pforte der alten Friedhofshälfte. Die Wege sind nicht asphaltiert. Man geht über knirschenden roten Split, Kies oder gestampfte Erde. Bald taucht ein Platz zwischen den Bäumen auf. Er wird nach Osten von einer großen Kapelle begrenzt. Um den Platz reihen sich gewaltige Grabmonumente. Alte Aachener Größen, Abkömmlinge großer Familien, sind hier unter steinernen Kolossen begraben.

Unsereiner wollte nicht soviel Geröll über dem Kopf. Mir würde ein Blechkranz genügen, damit ich hören kann, ob es regnet. Doch die Großen des 19. Jahrhunderts waren selbstherrlich und bigott. Da musste unbedingt ein Mausoleum her oder zumindest ein riesiger steinerner Engel. Engel aus Stein sind übrigens die irdische Variante. Sie fliegen nicht, sondern krachen irgendwann in sich zusammen.

Jedenfalls stand ich an den Grabmonumenten und versuchte mir zu vergegenwärtigen, welch wichtige Knochen dort verbuddelt lagen. Die Protzbauten auf alten Friedhöfen sind heidnisch. Sie sind noch der Idee verpflichtet, dass man seine Reichtümer mit ins Jenseits nehmen könnte. Vielleicht hat man ja das ein oder andere Dienstmädchen mit eingemauert, damit der hohe Herr etwas hat, womit er sich im Jenseits verlustieren kann. Tatsächlich hat es in Aachen einen unaufgeklärten Dienstmädchenmord gegeben. Ein kleiner Gedenkstein im Wald berichtet davon. Sie wurde am Fuße des Hügels gefunden, auf dem die Villa ihres Dienstherrn thronte. Man munkelt, er habe sie ermordet.

Was ein Mensch auf seinem Gewissen hat, nimmt er mit in seine Gruft. Was er sonst noch war und tat, ob er Häuser bauen ließ, Länder eroberte, eine Tuchfabrik besaß, das alles ist im Jenseits ohne Belang, ganz egal, was man glaubt. Im Gedenken der Menschen ist es nicht anders. Obwohl es Namen gibt, die das Gegenteil behaupten. Karl der Große, Alexander der Große, die Namen verbergen eine wesentliche Tatsache: Das waren doch vor allem große Menschenschlächter. Man mag sie in Geschichtsbücher schreiben, Denkmäler und Mausoleen für sie bauen – am Ende sind sie auch nur alte Knochen, die sich nicht besonders von deinen oder meinen unterscheiden.

Dieser alte Friedhof hat mich im Herbst eindrucksvoll mit dem Endlichen des Menschen konfrontiert. Es ist gut, sich das ab und zu klar zu machen, damit man im Leben nichts tut, was selbst durch steinerne Engel nicht getilgt werden kann.

Guten Rutsch

Weiter im
Hörspiel: Samstag, 17:30 Uhr
1498 mal gelesen

Es drückt was auf die Ohren - Nachtschwärmer -4-

Nachtschwärmer


Nachtschwärmer online - Folge 4: Es drückt was auf die Ohren
Text / Erzähler: Trithemius, Musik: Martin Kratochwil
Fortsetzung: Samstag, 17:30 Uhr
1574 mal gelesen

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

Aktuelle Beiträge

Jenseits der vertrauten...
„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt,...
Trithemius - 7. Apr, 17:26
Der Pohl
Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht...
Trithemius - 5. Apr, 18:25
Einfach zu viele Eier
Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes...
Trithemius - 4. Apr, 10:31
Ein Bote wird in den...
Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet...
Trithemius - 1. Apr, 11:42
Die kulinarische Konsequenz....
Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
Trithemius - 29. Mär, 07:18
Irgendwann erreichte...
Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

RSS Box

Links

Suche

 

Kalender

April 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 2 
 3 
 6 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 

Web Counter-Modul

Status

Online seit 6982 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 10. Apr, 15:04

Credits


Abendbummel online
Bild & Text
dörfliches
Ethnologie des Alltags
Frau Nettesheim
freitagsgespräch
Gastautoren
Hannover
Internetregistratur
Kopfkino
Pataphysisches Seminar
Pentagrion
Schriftwelt im Abendrot
surrealer Alltag
Teppichhaus Intern
Teppichhaus Textberatung
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren