Skandal: GfdS kapert das kleine H - von Wutbürger und Volontär Hanno P. ScHmock

Immer mer Wegelagerer und Zolleintreiber tummeln sicH im Internet. Da will aucH die GesellscHaft für deutscHe SpracHe (GfdS) ir ScHäfcHen ins Trockene bringen. Sie Hat von der Kultusministerkonferenz (KMK) den KleinbucHstaben „H“ gekauft. Er ist ab Heute nicHt mer gemeinfrei. „Niemand Hat bisHer daran gedacHt, sicH die RecHte an einem BucHstaben zu sicHern“, sagte Professor Rudolf Humburg vom Hauptvorstand der GfdS. „Aber wir.“

GfdS

Warum gerade das klein H? Wo das H tonlos bleibe, weil es lediglicH als DenungszeicHen auftrete, also einen langen Vokal kennzeicHne, sei es verzicHtbar, findet die GfdS. „Nemen Sie unser Wort des Jares 2010, ‚Wutbürger’. Der lange Vokal u kommt one jeglicHes DenungszeicHen aus, oder wollten Sie etwa ‚Wuhtbürger’ scHreiben?“, scHmunzelt Humburg. (h: mit freundlicHer Genemigung der GfdS). Bei Wörtern, die nocH die griecHiscHen ScHreibweisen ph und th (h,h: mit freundlicHer Genemigung der GfdS) in sicH trügen, könne das kleine H seit der Ortografie-Reform sowieso getilgt werden. Hier wolle die GfdS die verwirrenden Doppelformen aus unserer Ortografie vertreiben.

LetztlicH sei die EntscHeidung, sicH einen BucHstaben aus dem Alfabet zu sicHern, von der Sorge getragen, dass sicH die ScHrift durcH allzu Häufigen Gebrauch abnutzen könnte. „Hinz und Kunz setzen ja inzwiscHen ir unausgegorenes Geschwafel ins Internet. Das muss ein Ende Haben, wenn uns die deutscHe SpracHe lieb ist!“, wettert Humburg.

Wer zukünftig das kleine H noch benutzen will, kann es bei der GfdS kaufen: 1000 Stück kosten 49,99 Euro. Nicht registrierte h-Benutzer werden abgemahnt. (h,h: mit freundlicHer Genemigung der GfdS)

Mer von:
Volontär Hanno P. ScHmock
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Absolut langweiliger Teppich - Klein durchdringt Groß

Langweilteppich04
Pataphysisches Seminar
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Durch die Tür gedacht – Meine surrealer Alltag (26)

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an die Geräusche meiner Wohnung gewöhnt habe. Manchmal spät abends, wenn es still geworden war, hätte ich schwören können, dass da jemand in meinem Flur herumschleicht. Aber so oft ich auch nachsah, der Flur war leer. Erst nach einer Weile fand ich heraus, dass der lange Flur, wo er abknickt zu Bad und Küche, eine Schallbrücke zur Wohnung meines Türnachbarn hat. Zu dieser Zeit lebte auch seine Freundin in der Wohnung, doch bald zog sie aus.

„Es ging nicht mehr, Herr van der Ley“, sagte mir der Hausbesitzer mitfühlend, „sie haben nur noch gestritten.“ Den Streit hatte ich freilich auch schon oft mitbekommen. Mein Nachbar hatte bald eine neue Freundin, die ihn gelegentlich besuchte. Ich hörte ihn vorher in seiner Wohnung wirbeln, vor allem hörte ich, wenn er seinen Staubsauger hervorholte, um den Teppich zu saugen.

Vor einigen Tagen kam ich gegen 12 Uhr nachts nach Hause. Bevor ich meine Wohnung aufschloss, fiel mein Blick auf die Tür meines Nachbarn. Da dachte ich, dass ich ihn schon lange nicht mehr hatte wirbeln hören. Ob seine neue Freundin ihm den Laufpass gegeben hat? Und er in seinem Kummer lässt die Wohnung verlottern. Das finde ich nicht gut, dachte ich, indem ich meine Tür aufschloss. Er könnte wenigstens staubsaugen. Das sollte er sich wert sein.

Ich schaute noch kurz nach meinen E-Mails. Da hörte ich in meiner Diele ein unheimliches Kramen. Dann ein Rauschen und Heulen, dass es mir kalt den Rücken herunter lief. Ich schaute nach, aber die Diele war leer. Mein Nachbar hatte den Staubsauger hervorgeholt, mitten in der Nacht.

Mehr aus dem surrealen Alltag
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Gewinn durch Verlust - empfiehlt Gastautor Duroy

"Nimm dir ein bisschen Zeit und gib Sie dir", ist das Motto der Teppichhaus-Bibliothek, für die ich mir schon lange keine Zeit mehr genommen habe, fast vergessen sogar. Was bedeutet es, sich Zeit zu nehmen. Woher nimmt man sie, aus der Zeitspardose? Zeit nimmt man, indem man sie verliert, um sie für sich zu verschwenden. Von diesem Gewinn durch Verlust schreibt Gastautor Paul Duroy so mitreißend, so eindringlich empfiehlt er uns den Verlust und stellt uns dafür einen schier unendlichen Gewinn in Aussicht. Verschwenden wir also Zeit auf dieses Manifest.

Der Verlustmensch und sein unendlicher Zugewinn oder:
Ein naives Manifest (die schwere Erlangung II)

von PAUL DUROY

"Eine lange Zeit fuhr ich so fort, an meinem Tisch sitzend. Auch wenn ich nichts tat als warten, war es das Gleichmaß, mit der an der Balkonkante zerstäubenden Schneeflocke. Mir schien, ich würde so für immer meine Ungeduld los und hätte die mir gemäße Geschwindigkeit gefunden.
Und weil es so einmalig war, kann ich es sagen: ich war da Wort für Wort in der Zeit, so als sei diese mein Ort. Öfter kam mir auch der Gedanke dazwischen, so etwas habe noch niemand erlebt; mit mir fange etwas Neues an. An der Stelle des vergessenen Körpers spürte ich jetzt eine Sinnlichkeit, mir lieb, in dem sie da war, ohne irgendwo hinzuwollen."

(Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht)

Wir müssen lernen, unsere Zeit zu verschwenden für den richtigen Zweck. Unsere Zeit gerade dadurch verwenden, dass wir sie verschwenden. ''Zeitverschwendung'', das war immer schon eine gängelnde Ideologie und Propaganda-Parole der totalitären Arbeitsgesellschaft, die Muße nicht duldet und Faulheit sanktioniert. Auch wenn man irgendwann gar nicht mehr weiß und überhaupt nicht mehr begründet, warum man die Menschen immer mehr arbeiten lässt statt weniger, bläut man den jungen karrierewilligen Menschen immer mehr ein: ''nutzt eure Zeit für die Karriere, verschwendet keine Zeit.'' Das ist natürlich großer Unsinn.

Am feinsten bildet sich der Mensch, der den Mut findet, sich selbst für eine ganz geraume Weile aus dem Weg zu gehen, den eigenen Willen abzuwerfen und auch der fremden Einvernahme zu entgehen. Man muss es aushalten, mindestens ein Jahr, wenn nicht länger, souveränes Treibholz zu sein in den Wirren des Überlassenseins und nicht zu planen, allein: sich selbst als vage entwerfen, sich dahinwerfen den Umständen, sich dabei aber rausnehmen aus dem System der produktiven Vereinnahmung. Man sollte etwas schöpfen, von dem man immer glaubte, das man es schöpfen wollte, einer Idee lauschen, die in die Welt will, um sie schöner zu machen, die in die Welt will, weil sie dort blühen will und nicht, weil sie dort zum Wachstum beitragen will und zum Produktivitätsprozess. Sie will beglücken, aber nicht berauschen oder Lust schaffen.

Diese leise Idee in uns, die aus uns geboren werden möchte, hat nicht den lauten zielgerechten Schrei des Willens und Wollen, sie ist zag und verwundbar, sie zerstäubt wie ein Blütenpollenköpfchen, wenn der rauhe Wind weht, aber sie ist vor allen Dingen schön. Sie hat keine gezielte Richtung, wie der Pusteblumenfallschirm und auch wenn sie nichts verändert, ist sie wichtiger als jeder formierende Schritt. Ihr Wollen ist der Drang des Schönen, ans Licht zu geraten, aber sie will sich nicht breit machen dort.

Dazu brauchen wir Zeit im Überfluss, müssen uns womöglich Tage, Wochen und Monate zurückziehen aus dem Gewirr unserer Beanspruchung durch die Arbeitswelt, müssen uns bereinigen, müssen der Berauschung und zugleich der Stumpfheit entgehen, Nächte durchwachen, um die Sinne wieder in der Kunst der ertragenen Angst zu schärfen. Schauen lernen. Beobachten lernen. Den ganzen Tag (wir wählen den Montag, denn Sonntag kann jeder) auf einer Waldblumenwiese verbringen ohne Buch und Sonnenöl und allein dem Wachsen und Krabbeln zuschauen um einen.

Und loslassen. Einen Gegenstand mitnehmen, den wir unheimlich lieb gewonnen haben und ihn im Wald liegenlassen auf einem Baumstumpf oder einem Feldweg. Und nie mehr wiederkehren und ihn nie mehr heimholen. Auch dieser Verlust schärft unsere Sinne, unseren Sinn fürs Verlieren, denn es ist ein bewusster Verlust, wo wir doch sonst all die Jahre immer nur hinzugewonnen haben. Unsere größten Verluste sind dabei ganz still vor sich und von uns gegangen und wir haben es nicht einmal bemerkt, so hat uns der Konsum überspült. Loslassen, das ist bewusstes Verlieren.

Dann werden wir wacher mit den Tagen und bemerken, dass wir nie wirklich nur Zeit, sondern immer auch unseren Verstand und unsere wache Aufmerksamkeit auf die Dinge verschwendet haben. Das Entertainment hat uns abgestumpft und die Dosierung an Schrillheit und Nacktheit und Lautstärke und Effekt musste erhöht werden, damit wir unsere Belustigung auch noch ein bisschen spüren. Wir sind immer tauber geworden über die Zeit und während die Tiere in den Schlachthöfen schreien, bezeichnen wir uns als Ende der Nahrungskette und lassen uns weiterhin vergiften vom System.

Nicht wahr, wir haben noch den Zynismus. Den haben wir übernommen vom System und gelernt, zu allem, was so richtig danebenläuft und unseren Interessen zuwider, schon den moderat-beschwichtigenden Subkommentar zu führen, der es uns leichter macht, auch weiterhin nichts zu verändern. Hauptsache, wir können über uns selber lachen und weiterhin alles nicht so ernstnehmen.

Aber alles verliert jetzt seine Selbstverständlichkeit, das Wetter und das Tiere-Essen, die Weltmacht Westen und das ewige Wachstum, die kontrollierte Sprache und die Arbeitsgesellschaft. Neue Zeiten drängen sich auf und wir müssen lernen, mehr Zeit zu verlieren, umso viel mehr Leben zu gewinnen.

Widerstand geht auch leise, so wie z.B. eine Pflanze den Asphalt aufsprengt und marode macht, ein kleiner Keim in seinem stillen Drang und seinem zarten Gewebe eine massive Steindecke durchschlägt, um zu blühen und sei es nur für einen Tag, das nötigt mir unendlich mehr Respekt ab, als die jahrzehntelange und nachweislich effiziente Karriere eines Bill Gates oder Steve Jobs. Diese Wirtschaftsriesen sind so unheimlich effizient und dennoch liegt mir soviel mehr am Verwehen des Pusteblumenköpfchens, soviel mehr Sinn und Kraft in diesem geballten Lebenskreislauf von wenigen Tagen.

Schönheit sammeln und Augenblicke. Zeit verwenden für sich selbst, nicht für seinen Chef oder den Betrieb. Man verschwendet keine Zeit, denn die Zeit vergeht ohnehin. Wenn, dann verschwendet man Zeit beim Arbeiten. Zeit also bewusster verlieren, um Schönheit zu entdecken. Das Entdecken von Schönheit bildet in der Glücksfähigkeit, das Konsumieren von Unterhaltung lässt Glücksfähigkeit verkümmern und betäubt allein wie jeder Rausch, der uns nach seinem Vergehen ins Leere stellt.

Wenn wir aber verzichten auf die billige und hinfällige Unterhaltung, auf die Konsum-Artillerie, müssen wir auch nicht mehr viel Geld verdienen. Glück nennen wir dann, was wir spüren und uns gut fühlen lässt und für das wir nie auch nur einen Cent bezahlten. Glück ist das schöne und fast undefinierbare Gefühl, das uns mit uns selbst im Reinen fühlen lässt, und nicht gekauft werden konnte mit Geld, sondern schwer erlangt wurde durch Verzicht auf Effizienz und Rausch und Konsumbefähigung. Kaufen kann jeder (so er Geld hat), erlangen ist ein unendlich schwererer Weg.

Die Belohnung, die nur vermutet werden kann, ist neben dem Glückszu''gewinn'' der neue Blick auf ''mich selbst'' als bewusstes Individuum. Wenn ich mich aus dem Ertüchtigungs-Zusammenhang reiße, gerate ich in eine schwere Krise. Aber diese Krise wird mobilisieren, was ich nicht in mir glaubte. Eine Stärke in uns, der wir dann nicht mehr hinterherjagen und sie doch nie erlangen, sondern die auf uns zugeht. Eine Stärke, die nicht finanzielles Glück verheißt, sondern unserer Festigkeit und unserem geschärftem Bewusstsein entspringt.

Stellen wir uns also bereit, ganz viel zu verlieren an Besitzständen und Selbstverständlichkeiten, Zwängen und Habseligkeiten, um ganz viel Raum zu schaffen für das, was in uns heranwachsen kann, wenn wir es nur ließen. Einen neuen Raum zu schaffen, den wir sonst immer nur überfüllen und verstellen durch Anhäufung und Vermüllung. Schaffen wir diesen Raum aus uns selbst, haben wir den Mut zum Schönen und machen wir uns auf den Weg zu uns selbst, in unsere unbekannten Räume, entdecken wir den so stillen An-Spruch in uns, was da aus uns in die Welt gesetzt werden will, damit wir es endlich EINMAL sehen. Vielleicht werden wir Künstler statt Produzenten und Konsumenten und in jedem von uns wohnt ein Bild, ein Gebirge aus Gedichten, ein Lied mit einer unendlichen Melodie, eine unberechenbar mutige Idee ohne jedes Kalkül, ohne Nutzen, aber mit einer Wurzel, die ins Glück ragt.

Das würde Kunst heißen ... soviel ärmer können wir nicht werden als wir es jetzt bereits sind, da uns fast alles Greif- und Kaufbare zur Verfügung steht. Uns selbst aber sind wir am Fernsten ...

Der Weg, uns selbst neu zu gewinnen, kann nur sein, eine schöne Idee zu haben und diese schöne Idee zu leben. Keine Vorstellung und keinen Plan, sondern allein der schönen Idee zu folgen. Ohne das notorische ''Aber'', diesen Reflex-Hammer des Pragmatischen, der allen Mut zum Alternativ-Entwurf in uns immer so effizient niederschlägt. Kein ''aber ich muss doch eigentlich...''. Das System hält uns von uns selber fern, gibt uns vor, was wir wollen sollen und wenn wir nicht wollen, kauft es uns ein, indem es uns kaufen lässt.

Begeben wir uns endlich auf den steinig-schönen Weg zu uns selbst ... erlangen wir uns schwer.


Paul Duroys Blog: Raumgewinner

Weitere Gastautoren
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Teurer Kaffeelöffel - Eine Fahrt mit der Linie 9 (9)

1) Die Uhr wird geputzt
2) Rein in die Wassersenke
3) Dosenpfand und kleine Finger

4) Grüß mir den Kartoffelbrei
5) Lange Straße - Dauerbrot
6) Grau in den Speckgürtel
7) Verlust der Sieben
8) Bothfelder Zahlenmagie

Es gibt Tricks, sich zu überlisten. Manche brauchen sie nicht, aber ich. Manchmal mag ich nicht abwaschen, prokrastiniere, bis ich kein sauberes Geschirr mehr habe. Dann ist es unumgänglich zu spülen, aber der Berg von Geschirr und Besteck schreckt mich ab. Vor mir das Spülbecken, und darin so viele Teile, die gespült werden wollen. Da möchte ich am liebsten gleich wieder aufhören. Dann stelle ich mir vor, dass ich für jedes Teil, das ich abwasche, den doppelten Betrag von x bekomme, also 1+2+4+8+16 usw. Wenn die letzten Löffel abzuwaschen sind, bringt mir jeder Löffel, den ich noch aus dem Spülwasser fische, bereits mehr Millionen, als ich überhaupt haben will, ich werde beim Spülen steinreich. Dann bin ich froh, wenn die Belohnung in realistischen Dimensionen bleibt. Bei 27 Teilen habe ich bereits über 67 Millionen. Wie will das Leben eine solche Verheißung wahr machen? Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist, was mich betrifft, unerreichbar.

Stell dir vor, du bist ein humanoider Außerirdischer und hast dich auf eine interstellare Reise begeben, willst dir das Sonnensystem der Erde ansehen. Das liegt weit draußen im Spiralnebel. Du hast aber nur eine Karte für Zone 1 gelöst, also für das Zentrum unserer Milchstraße. Dich erwischt ein galaktischer Kontrolleur, du kannst nicht nachzahlen, da setzt er dich einfach vor die Tür, nämlich auf der Erde ab. Um die Rückfahrkarte zu deinem Heimatplaneten bezahlen zu können, musst du den Gegenwert von etwa 67 Millionen Euro verdienen.

Was könnte man dir raten? In welcher Branche könntest du rasch 67 Millionen Euro verdienen? Ehrliche Arbeit kommt da nicht in Frage. Du müsstest schon Finanzspekulant werden oder ein Finanzberatungsunternehmen gründen wie Carsten Maschmeyer seinen Allgemeinen Wirtschaftsdienst (awd). Er besitzt gut 10 mal soviel und könnte eine interstellare Fahrkarte für die Spiralnebelzone 2 locker bezahlen, macht es aber nicht. Inzwischen ist er derart integriert in ein machtvolles Netzwerk, befreundet mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Bundespräsident Christian Wulff, einen „Shootingstar“ nennt die Süddeutsche ihn. Warum sollte er das aufgeben?

Ich habe nachgesehen, wohin die Linie 7 jetzt fährt. Wem wurde die Glück verheißende Sieben zugeleitet? Kurz hinter der Bothfelder Weiche, wo Linie 7 und Linie 9 sich trennen, stehen linker Hand die Bürohochburgen von HDI Gerling und dem awd. HDI/Gerling gehört zur Talanx Versicherungsgruppe, und der wiederum gehören Anteile an der Swiss life, der jetzigen Eigentümergesellschaft des awd, an der Maschmeyer beteiligt ist.

Leere BahnDie Bahn ist an der Endhaltestelle der Linie 7 völlig leer. Inzwischen ist es dunkel, aber in den Büros von HDI/Gerling und in der awd-Zentrale brennt noch Licht. Der Tausch der Linien 9 und 7 scheint plausible Gründe zu haben. Doch könnte man nicht plausible Gründe für jede Änderung des Linienplans finden? Vielleicht sind sie nur vorgeschoben und dahinter steckt etwas ganz anderes, die abergläubische Marotte eines Glücksritters und Finanztycoons. Angenommen Maschmeyer wollte die Linie 7 haben, damit sie an seinen Gelddruckmaschinen vorbeifährt, hätte die ÜSTRA diesem Ansinnen widerstehen können? Wohl kaum. Was weiß ein einfacher Fahrgast der Stadtbahn schon über die wahren Gründe städtebaulicher oder verkehrspolitischer Entscheidungen. Seine Welt wird von mächtigen Netzwerken gestaltet, und selbstsüchtige Entscheidungen der Mitglieder dieser Netzwerke werden ihm als Sachzwänge verkauft, dem Allgemeinwohl verpflichtet. Was diese Welt zusammenhält, ist die Lüge, und das ist so wahr wie mein 27. Löffel keine 67 Millionen Euro wert ist.

E N D E

zurück auf LOS
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Bothfelder Zahlenmagie - Fahrt mit der Linie 9 (8)

1) Die Uhr wird geputzt
2) Rein in die Wassersenke
3) Dosenpfand und kleine Finger

4) Grüß mir den Kartoffelbrei
5) Lange Straße - Dauerbrot
6) Grau in den Speckgürtel
7) Verlust der Sieben

Wir steigen in Bothfeld an der Nicolai-Kirche aus. Eine Theatergruppe plakatiert am Kirchturm „Arsen und Spitzenhäubchen“. „Die Kirche wird auch für Aufführungen genutzt“, sagt mein Bothfelder Gewährsmann. „Und manchmal treten da solche Promis auf, die man nicht mal mehr beim Privat-Fernsehen haben will. Demnächst kommen die Don-Kosaken.“ Er will im Gemeindeamt Karten kaufen, ein Don-Kosaken-Geburtstagsgeschenk für seine Mutter. Wir verabschieden uns, und ich bedanke mich. „Da nicht für!“, ruft er freundlich und hastet davon. Ich bummle einmal rund um die Kirche und begegne ihm wieder, wie er aus dem Gemeindeamt kommt. „Da drinnen sitzen drei ältere Damen“, sagt er, „die können Ihnen gewiss mehr erzählen.“

In Wahrheit ist nur eine der Damen älter. Sie hat ein weißes Pflaster auf der Schläfe und trägt es wirklich wie eine Dame. Ich will wissen, warum die Bothfelder sich über den Linientausch geärgert haben. Sie kann es mir nicht so recht erklären, obwohl sie durchaus der Sprache mächtig ist. Die ÜSTRA habe den Linientausch auf dem Platz vor der Nicolai-Kirche groß feiern wollen. „Ich bin Kirchenvorsteherin, daher weiß ich es. Aber wir hatten dort schon eine andere Veranstaltung.“ Dabei lächelt sie süffisant. Dieser subtile, kaum noch christlich zu nennende Protest gegen die feierselige ÜSTRA wegen eines Nummertauschs? Faktisch hat sich für die Bothfelder nichts verändert, nur die Nummer an der Straßenbahn. Zum Fasanenkrug fährt nicht mehr die Sieben, sondern die Neun. Stadtbahn.de erklärt:

„Im Dezember 2009 werden die nördlichen Streckenäste der Linien 7 und 9 getauscht, um künftig auf den Strecken Wettbergen - Altwarmbüchen und Wettbergen - Misburg ausschließlich die neuen Wagen der Reihe 3000 fahren lassen zu können. Die Linie 7 fährt seitdem den ganzen Tag vorerst bis Lahe (jetzt Paracelsusweg) und wird in 2010 bis Misburg verlängert.“

Das Ärgernis ist offenbar ein Fall von Zahlenmagie, und sogar Frau Kirchenvorstand der Nicolai-Kirche macht mit. Die Sieben gilt als die heilige Zahl schlechthin und landläufig als Glückszahl, die Neun kommt in der biblischen Zahlenmystik nicht vor.

Die technokratischen Heiden von der ÜSTRA hätten sich denken können, dass die Bothfelder ihre heilige Sieben nicht missen wollten. Sie hat offenbar das Lebensgefühl der Bothfelder positiv geprägt, bis hin zum Überschwang. Es gibt sogar eine Bothfeld-Hymne: "Bothfeld hat alles", nur keine Sieben mehr. Man reimt "keine Berge" auf "keine Zwerge" - und bleibt "Bothfeld treu für alle Zeit."



Das hätte der Student Benno Ohnesorg beherzigen sollen, statt in das kalte Berlin zu gehen. Da konnte ihm die Sieben kein Glück bringen. Er wurde am 9. Juni 1967 auf dem Bothfelder Stadtfriedhof begraben. Immerhin verbindet die Linie 9 jetzt die nach ihm benannte Brücke und seine letzte Ruhestätte.

Die Kirchenvorsteherin verweist mich noch auf einen Artikel in der HAZ zum Thema Linientausch. Lesenswert sind auch die Kommentare. "Wettberger" behauptet, regelmäßig würden Fahrgäste mit Migrationshintergrund sich wegen des Linientauschs verfahren, wenn sie in "keine Berge" wollen, sondern zum Fasanenkrug.

Fortsetzung Teurer Kaffeelöffel
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Verlust der Sieben - Eine Fahrt mit der Linie 9 (7)

1) Die Uhr wird geputzt
2) Rein in die Wassersenke
3) Dosenpfand und kleine Finger

4) Grüß mir den Kartoffelbrei
5) Lange Straße - Dauerbrot
6) Grau in den Speckgürtel

Wenn Bothfeld zum Speckgürtel Hannovers gehört, dann ist es durchwachsener Speck. Im alten Ortskern gibt es historische Bauernhöfe in Fachwerkbauweise mit frommen Sprüchen auf den Balken. Bothfeld hat Neubauviertel mit freistehenden Eigenheimen, aber auch Plattenbauten aus den 70er Jahren. Die Metapher Speckgürtel ist bei Wikipedia hübsch erklärt:

„Erhebliche soziale, ökonomische und ökologische Probleme entstehen dadurch, dass die umliegenden Gemeinden insbesondere durch die Stadt-Umland-Wanderung relativ einkommensstarker Haushalte wachsen und vom breiten Infrastrukturangebot der Kernstadt profitieren, ohne über Steuern zu dessen Finanzierung beizutragen. Auch arbeitet ein Großteil der Erwerbstätigen als Pendler in der Kernstadt, zahlt die Lohn- und Einkommensteuern aber in den Wohnsitzgemeinden. Der Begriff „Speckgürtel“ bezieht sich ironisch auf dieses Missverhältnis.“

Wenn der Speck wächst, geht das zu Lasten der darunter liegenden Muskelschichten. Das erklärt, warum die Städte innerhalb der Speckgürtel einen Bereich haben, der mehr oder weniger verkommen wirkt. In Hannover kann man das überall beobachten. Bevor man den Speckgürtel erreicht, muss man durch einen Gürtel der sozialen Deprivation, wo die Menschen einiges zu stemmen haben. Die Ortsteile Bothfeld und Isernhagen gelten als bevorzugte Wohngebiete.

Die Endhaltestelle der Linie 9 liegt direkt hinter einer Autobahn, an der Grenze zu Isernhagen. Die Bahn dreht hier mit quietschenden Rädern auf einem engen Gleisrund zwischen Autobahn und Waldrand. „Fahrgäste bitte aussteigen!“, befiehlt vorher die freundliche Frauenstimme, die alle Ansagen der ÜSTRA (Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG) macht. Sie gehört der Schauspielerin und Synchronsprecherin Katrin Decker. Viele Leute bleiben gleich auf dem Bahnsteig stehen und warten auf den Bus, der sie auf die umliegenden Gemeinden verteilt. Ich bummle hinüber zur anderen Seite des Gleiskörpers. Da ist ein Kiosk, wo ich mich schlau fragen will. Die Frau hinterm Tresen lächelt verlegen und gibt an, nichts zu wissen. Sogar wo der Tabak liegt, den ich kaufen will, muss ich ihr zeigen. „Zweites Regal von unten, die dritte Packung von rechts!“ Sie sucht links.

Fasanenkrug
Im Jahr 1987 ist der alte Fasanenkrug abgerissen worden. Das zum Biergarten des Fasanenkrugs gehörende 100-jährige Hexenhaus blieb stehen. Man hat ein kleines Einkaufszentrum errichtet, das einen Optiker, einen Getränkemarkt und eine Reinigung beherbergt sowie einen neuen Fasanenkrug. Das Hexenhaus wirkt deplaziert, und der Biergarten ist um diese Jahreszeit verödet. Auf einem Waldweg, den man vom Parkplatz des Restaurants Fasanenkrug erreicht, kommt mir aus der Ferne mit forschem Schritt ein kräftiger Mann entgegen.

Ich bin noch auf der Höhe des Biergartens, als er mich erreicht. Er trägt eine Mütze, und ich habe nicht gesehen, dass er Musik hörte. Als ich ihn anspreche, nimmt er die Stöpsel aus den Ohren. „Guten Tag! Kennen Sie sich hier aus?“„Ja“, sagt er, „ich bin hier aufgewachsen und als kleiner Junge überall mit dem Fahrrad herumgefahren.“ „Was gibt es denn hier Besonderes?“ „Früher war hier mal eine Aufzuchtstation“, sagt er und deutet wegwerfend zum Biergarten bin. "Ich habe mein Meerschweinchen hingebracht. Aber jetzt ist ja alles neu bebaut.“ Warum hieß das alte Ausflugslokal Fasanenkrug? „Es gibt hier tatsächlich noch Fasane. Wenn Sie durch den Wald gehen zu den Feldern hin, da gibt es noch Goldfasane.“

Der Mann hat es eilig: „Ich muss nämlich in einer halben Stunde meiner Frau die Monatskarte geben. Deshalb muss ich die Bahn hier kriegen. Kommen Sie mit, dann erzähle ich Ihnen noch was.“ Wir steigen in die Linie 9 Richtung Empelde. Er schimpft auf die 9. „Früher fuhr die Linie 7 zum Fasanenkrug, 55 Jahre lang, aber 2009 hat die ÜSTRA die Nummern getauscht. Die 7 fährt zur Schierholzstraße und hierher die 9. Darüber hat man sich in Bothfeld sehr geärgert.“ „Warum?“ Er kann es mir nicht sagen.

Fortsetzung Bothfelder Zahlenmagie
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Grau in den Speckgürtel - Fahrt mit der Linie 9 (6)

1) Die Uhr wird geputzt
2) Rein in die Wassersenke
3) Dosenpfand und kleine Finger

4) Grüß mir den Kartoffelbrei
5) Lange Straße - Dauerbrot

Derweil die Linie 9 die imaginäre Zonengrenze überquert, hinter der ich Graufahrer bin, blättere ich im Geiste das Strafgesetzbuch durch. Ah, hier steht es: Beförderungserschleichung. § 265a StGB regelt:

„Wer die … Beförderung durch ein Verkehrsmittel … in der Absicht erschleicht, das Entgelt nicht zu entrichten, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist.“

Leserin-in-der-BahnMisstrauisch beäuge ich jeden Zusteigenden, ob er nicht ein als Mitmensch getarnter Kontrolleur ist. Und misstrauisch beäugt mich jeder neue Fahrgast, ob ich nicht ein als Mitmensch getarnter Oberkontrolleur bin, der sich strategisch ganz hinten im Wagen positioniert hat und alle Vorgänge innerhalb der Linie 9 sorgsam in sein rotes Buch schreibt, um sie mit dem Strafgesetzbuch abzugleichen. Manche scheinen von einer perversen Zeigelust getrieben und setzen sich zu mir, damit ich sehe, wie brav sie sind.

Entlang der Podbielskisstraße gibt es Autoteile, Second Hand, Änderungsschneiderei, Saftladen, China-Restaurant, Friseur, China-Restaurant, Saftladen, Nagelstudio, Beerdigungsinstitut, Beerdigungsinstitut, Änderungsschneiderei, Second-Hand, Autoteile, Tankstelle. Seltsam, dass sich die kleinen Läden an solch einer befahrenen Straße halten können. Man sieht nie jemanden erwartungsfroh hineingehen oder glücklich herauskommen, nicht mal aus dem Autoteile-Laden. Selbst die Türen der Beerdigungsinstitute scheinen tot. Ein kurze Weile wirkt die Podbielskistraße (Podbi) ein bisschen heruntergekommen, dann erholt sie sich vom Siechtum, hat Büroneubauten mit Bar und Bistro sowie Autohäuser für Leute, die keine Autoteile wollen, sondern gleich ein ganzes Auto.

Es geht stracks auf den Mittellandkanal zu, hinein in den Bahnhof Noltemeyerbrücke, eine prächtige Konstruktion aus Metall und Glas genau auf der Brücke über den Mittellandkanal. Dahinter liegt Bothfeld. Rechts davon, an der separaten Straßenbrücke habe ich einmal gesessen und bin zu einer seltsamen Fahrt aufgebrochen. Hat Hannover tatsächlich einen Speckgürtel? Und gehört der Stadtteil Bothfeld dazu, wo die Endhaltestelle Fasanenkrug liegt? Hinter der Brücke biegt die Linie 9 über eine Weiche scharf nach links. Ein anderes Gleis führt geradeaus, das der Linie 7. Es klingt unbedeutend, aber es verbirgt sich dahinter ein Ärgernis für die Bothfelder.

Foto / Gifanimation: Trithemius

Fortsetzung Verlust der Sieben
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Lange Straße, Dauerbrot - Fahrt mit der Linie 9 (5)

Folge 1 - Folge 2 - Folge 3 - Folge 4

Einmal bin ich in der Frankfurter S-Bahn grau gefahren, zusammen mit einer Kollegin, die sich auch nicht auskannte. Wir wurden sogleich von zwei grimmigen schwarzen Sheriffs aufgegriffen, und die haben uns vermutlich nur nicht abgeknallt, weil meine Kollegin eine attraktive Blondine war. Unterhalb der beliebten Flanier- und Einkaufsstraße Lister Meile bin ich gewiss noch ein zahlender Fahrgast und genieße alle Rechte, die mir die Personenbeförderungsbedingungen der ÜSTRA zustehen. Ich dürfte sogar mit meinem Handy aus der Bahn heraus fernen, kalten Kartoffelbrei grüßen. Doch hinter der Station Lister Platz muss irgendwo die unsichtbare Grenze sein, die mich ins Unrecht setzt. Ab dann ist jedes weitere Wort an den Kartoffelbrei nicht mehr erlaubt, jedenfalls nicht aus der Bahn heraus.

Schräg gegenüber der Station in der Was-Weiß-Ich-Was-Straße, ist mein Frisörsalon. Ein junger Freund hat mir einst geraten: „Du musst zu einem Mann gehen. Frauen machen einen zu brav.“ Er hat natürlich Frisöre und Frisörinnen bzw. Frisösen gemeint. Mein Friseur in der Was-Weiß-Ich-Nicht-Straße heißt Tim. Drei Buchstaben kann ich mir merken, auch wenn ich schon ein paar Monate nicht mehr da war.

Die Linie 9 kommt jetzt ans Tageslicht, fährt über eine Rampe hinaus auf die Podbielskistraße. Die Podbielskistraße ist noch viel länger als ihr Name. Man sieht hier hübsche Zeilen mit Gründerzeitbauten. Auch das prächtige Jugendstilgebäude der Keksfabrik Bahlsen, die das Wort Keks erfunden hat, aus dem Plural des englischen Cake hergeleitet. Dieser echte Anglizismus wurde im Jahr 1911 in den Duden aufgenommen. Wem die Informationen zu trocken sind, der bedenke, es geht um Kekse, haltbar bis weit über die dort angesprochene Apokalypse hinaus. Du kannst nichts mitnehmen, außer einem Leibnizkeks. Er heißt so, weil schon Leibniz sich Gedanken gemacht hat, für Soldaten eine Sorte Dauerbrot zu entwickeln.

Entschuldigung, ich bin von der Strecke abgekommen.

Fortsetzung
Grau in den Speckgürtel
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Grüß mir den Kartoffelbrei - Fahrt mit der Linie 9 (4)

Folge 1 - Folge 2 - Folge 3

Der U-Bahnhof Kröpcke, das ist Brutalismus in lecker. Die Linie 9 reißt mich weg und jagt zum Hauptbahnhof. Wenn du eine Fahrkarte kaufen willst, gehst du am besten zu Fuß durch die an den U-Bahnhof Kröpcke angeschlossene Passarelle. Das ist näher als durch den ganzen Bahnhof zurückzulaufen. Man bleibt dabei auf der 1. Tiefebene. Links und rechts reiht sich ein kleiner Laden an den anderen. Die Passarelle unterquert auch den Hauptbahnhof, und erst am anderen Ende geht’s dann runter auf die 2. Ebene zur U-Bahnstation.

Ich gucke gegen die vorbeiflitzende Tunnelwand und halte Ausschau nach Bauvorleistungen – ein wunderbares Wort, das auch Wundersames bedeutet. Beim Bau der U-Bahn in den 60ern des letzten Jahrhunderts hat man bereits einige zusätzliche Bauwerke für spätere Erweiterungen des U-Bahnnetzes errichtet, Tunnelabschnitte und Geisterbahnhöfe. Ein solcher Geisterbahnhof liegt auch unter der Station Hauptbahnhof.

Bauvorleistung

Manchmal erweitert sich eine Tunnelröhre und gibt den Blick frei auf einen toten Bauvorleistungs-Abschnitt, aber dann rasen die Wände wieder heran bis dicht vor deine Nase. Die meisten Fahrgäste schauen nicht hin, sondern stieren sich lieber ein Loch ins Knie oder sprechen in ihr Mobiltelefon wie der Mann schräg gegenüber: „Richtig, hehehehe! Genau! Hehehehe! Ja, hehehehe! Dann grüß mir mal schön deinen kalt werdenden Kartoffelbrei, Tschau!“ Ich glaube, ich würde mich schämen, so einen Satz laut zu sagen, dass alle rundum ihn hören könnten. Ist der Mobilfunk am Ende erfunden worden, damit ein Knallkopf einen kalten Kartoffelbrei grüßen kann? Was soll bloß aus unseren Kindern werden, bei den Vorleistungen.

Ein junger Mann im grauen Mantel versucht die Süddeutsche zu lesen, ohne der neben ihm sitzenden Türkin dabei ins Gesicht zu langen. Er hat die Zeitung auf ein Viertel zusammengefaltet, zuerst quer und dann längs. Das hilft ihm kaum, aber er muss sowieso raus am Hauptbahnhof. Die Süddeutsche wie auch die FAZ kann man in der Bahn fast so bequem wie ein Buch lesen, wenn man sie zuerst längs und dann quer faltet. Das geht übrigens bei jeder Zeitung mit gerader Spaltenanzahl. Die FAZ hat sogar einmal ein Heftchen herausgebracht, in dem diese probate Faltung erklärt wurde, das ich aber leider nicht mehr finde.

Die Linie 9 hat inzwischen die knallbunte Station Sedanstraße/Lister Meile erreicht. Sie wurde von sieben Graffitikünstlern gestaltet. Vor solchen Arbeiten scheinen andere Sprayer Respekt zu haben. Sie werden fast nie übersprüht oder mit Tags verschmiert. Vielleicht sollten die Städte mehr Auftragsarbeiten vergeben, um der Graffitiplage Herr zu werden. Die Station ist bunt, und ich fürchte bald grau zu werden. Ich habe keine Ahnung, wo die Tarifzone 1 endet, für die ich bezahlt habe. Ab dann bin ich Graufahrer.

Fortsetzung: Lange Straße, Dauerbrot
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Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

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Danke.
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