Grau in den Speckgürtel - Fahrt mit der Linie 9 (6)

1) Die Uhr wird geputzt
2) Rein in die Wassersenke
3) Dosenpfand und kleine Finger

4) Grüß mir den Kartoffelbrei
5) Lange Straße - Dauerbrot

Derweil die Linie 9 die imaginäre Zonengrenze überquert, hinter der ich Graufahrer bin, blättere ich im Geiste das Strafgesetzbuch durch. Ah, hier steht es: Beförderungserschleichung. § 265a StGB regelt:

„Wer die … Beförderung durch ein Verkehrsmittel … in der Absicht erschleicht, das Entgelt nicht zu entrichten, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist.“

Leserin-in-der-BahnMisstrauisch beäuge ich jeden Zusteigenden, ob er nicht ein als Mitmensch getarnter Kontrolleur ist. Und misstrauisch beäugt mich jeder neue Fahrgast, ob ich nicht ein als Mitmensch getarnter Oberkontrolleur bin, der sich strategisch ganz hinten im Wagen positioniert hat und alle Vorgänge innerhalb der Linie 9 sorgsam in sein rotes Buch schreibt, um sie mit dem Strafgesetzbuch abzugleichen. Manche scheinen von einer perversen Zeigelust getrieben und setzen sich zu mir, damit ich sehe, wie brav sie sind.

Entlang der Podbielskisstraße gibt es Autoteile, Second Hand, Änderungsschneiderei, Saftladen, China-Restaurant, Friseur, China-Restaurant, Saftladen, Nagelstudio, Beerdigungsinstitut, Beerdigungsinstitut, Änderungsschneiderei, Second-Hand, Autoteile, Tankstelle. Seltsam, dass sich die kleinen Läden an solch einer befahrenen Straße halten können. Man sieht nie jemanden erwartungsfroh hineingehen oder glücklich herauskommen, nicht mal aus dem Autoteile-Laden. Selbst die Türen der Beerdigungsinstitute scheinen tot. Ein kurze Weile wirkt die Podbielskistraße (Podbi) ein bisschen heruntergekommen, dann erholt sie sich vom Siechtum, hat Büroneubauten mit Bar und Bistro sowie Autohäuser für Leute, die keine Autoteile wollen, sondern gleich ein ganzes Auto.

Es geht stracks auf den Mittellandkanal zu, hinein in den Bahnhof Noltemeyerbrücke, eine prächtige Konstruktion aus Metall und Glas genau auf der Brücke über den Mittellandkanal. Dahinter liegt Bothfeld. Rechts davon, an der separaten Straßenbrücke habe ich einmal gesessen und bin zu einer seltsamen Fahrt aufgebrochen. Hat Hannover tatsächlich einen Speckgürtel? Und gehört der Stadtteil Bothfeld dazu, wo die Endhaltestelle Fasanenkrug liegt? Hinter der Brücke biegt die Linie 9 über eine Weiche scharf nach links. Ein anderes Gleis führt geradeaus, das der Linie 7. Es klingt unbedeutend, aber es verbirgt sich dahinter ein Ärgernis für die Bothfelder.

Foto / Gifanimation: Trithemius

Fortsetzung Verlust der Sieben
2044 mal gelesen
Mimiotschka - 13. Jan, 20:36

Ist an der Podbi nicht auch das Porsche-Zentrum Hannover? Ich habe mal nahe der Haltestelle Vier Grenzen gewohnt. Da konnte ich, wenn ich aus dem Küchenfenster gesehen habe, direkt drauf gucken. Klingt vielleicht nicht so spektakulär, aber ich habe auch mal kurzzeitig in Kassel gewohnt, und da konnte ich ebenfalls auf das Porsche-Zentrum gucken, allerdings nicht auf das hannöversche.

Trithemius - 13. Jan, 20:52

Danke für den Nachsatz, man hätte sonstwas denken können, wenn du von Kassel aus auf das hannöversche Porschezentrum hättest gucken können. ;)

Wie deutest du denn den Umstand, dass Poschezentren dich verfolgen?
Mimiotschka - 13. Jan, 21:09

Da die Wohnungen nicht typisch porschenah waren, deutete ich bisher nicht. Ich kann ja auch nichts dafür, dass der Wohnraum nahe eines Porsche-Zentrums so günstig zu sein scheint. Aber das hat wohl nichts mit der Qualität der Autos zu tun, oder?
Trithemius - 13. Jan, 21:12

Eher was mit den röhrenden Porsche-Auspufftöpfen.
Mimiotschka - 13. Jan, 21:28

Die Töpfe wurden vermutlich von der Linie 3, 7 und 9 übertönt :-)
Trithemius - 13. Jan, 21:51

Vermutlich?
Mimiotschka - 13. Jan, 22:10

Ich vermute das, weil ich mich an röhrende Auspufftöpfe nicht erinnern kann.

Auf jeden Fall hast du die Podbi schön beschrieben. :-) Daran erinnere ich mich!
Trithemius - 13. Jan, 22:18

Vielen Dank für die Erhellung und das Lob von einer quasi Einheimischen.
Paul Duroy (Gast) - 14. Jan, 08:54

Hallo lieber Freund!

Stellvertretend fuer alle bisherigen spannenden Teile deiner Entdeckungsexkursion durch das mir als Deutschlandkenner doch so unbekannt gebliebene Hannover, moechte ich an dieser Stelle meinen Kommentar posten.

Die Podbielskistraße klingt mir stark nach einer dieser Orte, die ich immer die ''toten Stellen'' nenne, Straßen ode Straßenzuege, Plaetze oder Gebaeude, bei denen man das Gefuehl hat, sie seien von einer versunkenen ultra-depressiven Generation von Menschen ohne Gefuehl und Leidenschaft, einfach aus dem reinen Stupor der unendlichen Langeweile und der Hinfaelligkeit gebaut worden.

Als Prophet der Entspannung und des Downsizing der anthropologisch-angespannten Grundkonstante der Moderne muss ich mich (um mal ganz konkret bezug zu nehmen auf deinen Text) doch mehr als ich das eigentl moechte des fruehen Morgens, erregen ueber das Befoerderungserschleichungsgesetz. Wenn ich allein das Wort schon hoere, kann ich verstehen, warum die Spanier die Deutschen ''cabeza quadra''; Viereckskoepfe, nennen.

Allein das Wort ''Befoerderungserschleichungsgesetz'' verraet schon die ganze archaische Last gesetzlich Strafe, die auf den schelmischen bis ahnungslosen Verkehrsteilnehmer ohne Ticket des Verkehrsverbundes Hannover (wie immer der bei euch heißen mag, du schriebst das sicher irgendwo).
Wie zynisch und rachsuechtig altdeutsch (ich hoere noch die Thing-Eiche und die
Femeschwüre heraus) allein dieser Nachtrag klingt:

''oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe (sic!) bedroht (sic!) ist.''

Lieber Jules, das inspiriert mich zu einem Eintrag ueber das Thema Schwarzfahren und die Verhaeltnismaeßigkeit von ''Tat'' und der entsprechenden Strafe, als Leidgepruefter liegt mir das am Herzen.

Geniales ''roadmovie'', das Ganze hier, und aehnlich wie du einmal schriebst, du wuerdest dir mitunter wuenschen, die Texte unter meiner Stehlampe naehmen kein Ende mehr, so wuensche ich mir, die schon sehr baldige Fortsetzung dieser ''Inquieries in search of Hannover''...

beste Grueße aus fruehem Morgen sendet Dir

Paul

Trithemius - 14. Jan, 15:37

Lieber Paul,

die Podbi ist an ihrem Anfang keine "tote Stelle", allenfalls später, bevor sie dann wieder aufgehübscht wird. Ja, das Wort "Beförderungserschleichung" und der Paragaraphentext haben auf mich auch abstoßend gewirkt, ich hätte es aber nicht so auf den Punkt bringen können, wie du es getan hast. Wenn du den Eintrag über das Schwarzfahren und die Verhältnismäßigkeit von Tat und Bestrafung geschrieben hast, setzte mal den Link in einen Kommentar.

Ich danke dir sehr für das Prädikat "geniales Roadmovie" - die Fortsetzung (7) ist da, um 16:30 Uhr kommt Teil 8, fehlt nur noch der Schluss, Teil 9.

Schöne Grüße in den Nachmittag,

Jules
nömix - 14. Jan, 10:48

Habe während des Lesens die Daumen gedrückt, dass Sie bei Ihrer mutmaßlich fahrlässigen (oder gar vorsätzlichen?) Erschleichung nicht von einem Kontrollorgan betreten & strafrechtlich belangt werden. (Sagt man in Deutschland auch Kontrollorgan?) Hoffentlich haben Sie Glück gehabt.
Gute Fahrt.

Trithemius - 14. Jan, 15:14

Dankeschön, hat geholfen. Die Erschleichung war ein Versehen. Ich hatte mir eine Fahrkarte für die innerstädtische Zone 1 gekauft, und erst spät fiel mir ein, dass ich mich auf dem Weg in die Außenbezirkszone 2 befand. Die Kontrollorgane heißen bei uns Kontrolleure.

Schöne Grüße.

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