Dosenpfand & kleine Finger - Fahrt mit Linie 9 (3)

Folge 1 - Folge 2

Kann ja nur noch besser werden unter Hannovers Erde. Die nächste Station heißt „Markthalle/Landtag“. Sie ist hübsch verklinkert. Hier steigt auch schon mal einer im feinen Zwirn zu oder eine Dame mit Ringen an allen Fingern und botox-erstarrter Miene. Kann aber auch die Wirkung des Alkohols sein, der die Dame in der Markthalle zugesprochen hat.

Die Markthalle heißt im Volksmund „Bauch von Hannover“. Dort an den exquisiten Sauf- und Fressständen trifft man sich gern, um zu sehen und gesehen zu werden. Gerhard Schröder war früher manchmal zu Gast, und Trittin hat da angeblich beim 13. Prosecco das Dosenpfand erfunden. Im Bauch von Hannover muss man die Nase hoch tragen, sonst fällt man durch. Aber meine Bahn ist schon längst drunterweg, also kann ich einfach nur sitzen und mein Blöckchen vollkritzeln mit nassforschen Behauptungen.

Es folgt die Station Kröpcke. Diese U-Bahnstation unter dem Stadtzentrum ist nach einem Kellner benannt, hat zwei Etagen und ist der Knotenpunkt der Stadtbahnen von Hannover. Sie ist hübsch gestaltet, hat winzige Mosaiksteichchen überall und vier unmenschlich lange Rolltreppen, auf denen ich immer Höhenangst kriege.

Kröpcke

Die weitläufige Anlage ist schon ewig Baustelle. Und ich habe gehört, vor allem das Bekleben mit den Mosaiksteinchen halte so lange auf. Man kann ja leider keine burmesischen Kleinkinder damit beschäftigen.

Viele steigen hier aus oder um, auch der Buchleser. Seinen Platz nimmt ein zartes, schwarzes Mädchen ein. Sie schaut mit runden Augen so ängstlich in die Welt, dass ich mich gar nicht traue, sie in mein rotes Notizbuch zu schreiben.

Fortsetzung Grüß mir den Kartoffelbrei
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Rein in die Wassersenke - Fahrt mit der Line 9 (2)

Folge 1

Da kommt die grüne Straßenbahn behäbig die Davenstedter Straße herunter. Die beiden Wagen sind locker besetzt. Ich finde einen Einzelplatz im Triebwagen. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann mit einem großen Buch auf dem Schoß. Er ist fast darüber zusammengesunken, und damit er nicht die Zeile verliert, hält er mit dem rechten Zeigefinger einen Lang-DIN-Briefumschlag darunter. An diesem Finger hat er einen silbernen Ring. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt auf seiner Höhe ein Schwarzer. Er hat sich quer gesetzt, dem Gang zu. Gelegentlich sagt er etwas, aber der Buchleser reagiert nicht. Er ist auch gar nicht gemeint. Der Schwarze hat Stöpsel in den Ohren und telefoniert.

Hinter der Haltestelle „Schwarzer Bär“ rollen wir über die halbfertige Benno-Ohnesorg-Brücke. Rasch zieht die Ihme dahin, als wäre es ihr peinlich, dass sie sich mit ihrem schlammigen Wasser so breit gemacht hat. Man hat hier im Herbst begonnen, einen Teil des Ufers abzugraben, um den Flaschenhals entlang des Ihmezentrums zu erweitern, ist aber mit dieser Hochwasserschutz-Maßnahme nicht weit gekommen, weil zuerst ein paarhundert Bäume abgeholzt werden mussten, was viele Lindener erbost hat. Anfangs konnte nur unter massivem Polizeischutz gearbeitet werden.

Oberirdisch fährt die Linie 9 gerade mal 20 Stundenkilometer, aber wenn sich die Bahn über die provisorische Gleisführung der Benno-Ohnesorg-Brücke geschlängelt hat, rast sie die Rampe hinunter zum U-Bahnhof Waterloo. Die meisten Leute sprechen die Station englisch aus, denken vermutlich, sie ist nach Abbas Eurovisons-Hit benannt. Aber Waterloo ist ein Dorf in der belgischen Provinz Brabant, und die flämische Ortsbezeichnung bedeutet Wassersenke. Oberhalb der U-Bahnstation Waterloo befindet sich ein ehemaliger Exerzierplatz, heute eine große Rasenfläche, in deren Mitte sich eine 46,31 Meter hohe Siegessäule erhebt. Da filmte ich mal eine Polizei-Effekt(s)-Show. (Siegessäule bei 0:14 Sekunden).



Die sehe ich aber nicht, bin schon unter der Erde im weiß Gott hässlichsten U-Bahnhof Hannovers, zwei Bahnsteige und schmutzig grauer Beton, ohne jeden Schmuck. Hier steigt kaum jemand ein oder aus, warum auch? Im Sommer habe ich entdeckt, dass man mit dem Fahrrad durchfahren kann zur anderen Seite der vierspurigen Lavesallee. Dabei wird man gewiss gefilmt, denn die Zufahrt ist direkt neben dem niedersächsischen Innenministerium.

Fortsetzung
Dosenpfand und kleine Finger
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Die Uhr wird geputzt - Eine Fahrt mit der Line 9 (1)

„Wer schreibt, der bleibt“, sagt der Mann im Schreibwarengeschäft, als ich bei ihm ein rotes Notizblöckchen kaufe. 14 Uhr Lindener Markt. Die Uhr an der Haltestelle wird gerade geputzt. Welch ein herrliches Land, in dem die Uhren geputzt werden. Andernorts fallen die Vögel vom Himmel, manche sehen schon die Apokalypse heranwabern, und hier werden die Uhren geputzt. Das ist doch eine hoffnungsfrohe Zukunftsgeste, die nicht einmal viel kostet, denn Gebäudereiniger arbeiten im Niedriglohnsektor, verdienen laut Tarif 8,55 Euro die Stunde.

Uhr-wird-geputztIch will mit der Straßenbahnlinie 9 bis zum Endhaltepunkt „Fasanenkrug“ fahren. Die Sonne steht schon so tief, dass die Splitkörnchen auf dem Bürgersteig bizarre Schatten werfen. Die Uhren werden geputzt, aber auf den Bürgersteigen knirscht der Split. Eine Frau im dicken Mantel geht vorbei und ruft mir ein freundliches "Hallo" zu. Fast hätte ich sie nicht erkannt. Freilich habe ich die schöne Kurdin noch nie auf freier Wildbahn gesehen, sondern immer nur hinter der Theke im Kioskladen. Der ist so etwas wie der Lindener Supermarkt für Notfälle, hat eigentlich immer auf, und man kann mehr dort kaufen, als man vermisst. Ich kaufe da manchmal Tabak, und die schöne Kurdin greift schon danach, wenn ich reinkomme, kann sich aber partout meine Blättchenmarke nicht merken, fragt jedes Mal nach. Sollte im Dezember 2012 die Welt untergehen, wird sie es immer noch nicht wissen. Aber eins ist sicher, der Kiosk hat beim Weltuntergang auf. Man kann auf der verlinkten Internetseite übrigens abstimmen, ob man den Weltuntergang haben will. Ist doch nett, dass man wenigstens gefragt wird.

Fortsetzung:
Rein in die Wassersenke
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