Lange Straße, Dauerbrot - Fahrt mit der Linie 9 (5)

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Einmal bin ich in der Frankfurter S-Bahn grau gefahren, zusammen mit einer Kollegin, die sich auch nicht auskannte. Wir wurden sogleich von zwei grimmigen schwarzen Sheriffs aufgegriffen, und die haben uns vermutlich nur nicht abgeknallt, weil meine Kollegin eine attraktive Blondine war. Unterhalb der beliebten Flanier- und Einkaufsstraße Lister Meile bin ich gewiss noch ein zahlender Fahrgast und genieße alle Rechte, die mir die Personenbeförderungsbedingungen der ÜSTRA zustehen. Ich dürfte sogar mit meinem Handy aus der Bahn heraus fernen, kalten Kartoffelbrei grüßen. Doch hinter der Station Lister Platz muss irgendwo die unsichtbare Grenze sein, die mich ins Unrecht setzt. Ab dann ist jedes weitere Wort an den Kartoffelbrei nicht mehr erlaubt, jedenfalls nicht aus der Bahn heraus.

Schräg gegenüber der Station in der Was-Weiß-Ich-Was-Straße, ist mein Frisörsalon. Ein junger Freund hat mir einst geraten: „Du musst zu einem Mann gehen. Frauen machen einen zu brav.“ Er hat natürlich Frisöre und Frisörinnen bzw. Frisösen gemeint. Mein Friseur in der Was-Weiß-Ich-Nicht-Straße heißt Tim. Drei Buchstaben kann ich mir merken, auch wenn ich schon ein paar Monate nicht mehr da war.

Die Linie 9 kommt jetzt ans Tageslicht, fährt über eine Rampe hinaus auf die Podbielskistraße. Die Podbielskistraße ist noch viel länger als ihr Name. Man sieht hier hübsche Zeilen mit Gründerzeitbauten. Auch das prächtige Jugendstilgebäude der Keksfabrik Bahlsen, die das Wort Keks erfunden hat, aus dem Plural des englischen Cake hergeleitet. Dieser echte Anglizismus wurde im Jahr 1911 in den Duden aufgenommen. Wem die Informationen zu trocken sind, der bedenke, es geht um Kekse, haltbar bis weit über die dort angesprochene Apokalypse hinaus. Du kannst nichts mitnehmen, außer einem Leibnizkeks. Er heißt so, weil schon Leibniz sich Gedanken gemacht hat, für Soldaten eine Sorte Dauerbrot zu entwickeln.

Entschuldigung, ich bin von der Strecke abgekommen.

Fortsetzung
Grau in den Speckgürtel
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Grüß mir den Kartoffelbrei - Fahrt mit der Linie 9 (4)

Folge 1 - Folge 2 - Folge 3

Der U-Bahnhof Kröpcke, das ist Brutalismus in lecker. Die Linie 9 reißt mich weg und jagt zum Hauptbahnhof. Wenn du eine Fahrkarte kaufen willst, gehst du am besten zu Fuß durch die an den U-Bahnhof Kröpcke angeschlossene Passarelle. Das ist näher als durch den ganzen Bahnhof zurückzulaufen. Man bleibt dabei auf der 1. Tiefebene. Links und rechts reiht sich ein kleiner Laden an den anderen. Die Passarelle unterquert auch den Hauptbahnhof, und erst am anderen Ende geht’s dann runter auf die 2. Ebene zur U-Bahnstation.

Ich gucke gegen die vorbeiflitzende Tunnelwand und halte Ausschau nach Bauvorleistungen – ein wunderbares Wort, das auch Wundersames bedeutet. Beim Bau der U-Bahn in den 60ern des letzten Jahrhunderts hat man bereits einige zusätzliche Bauwerke für spätere Erweiterungen des U-Bahnnetzes errichtet, Tunnelabschnitte und Geisterbahnhöfe. Ein solcher Geisterbahnhof liegt auch unter der Station Hauptbahnhof.

Bauvorleistung

Manchmal erweitert sich eine Tunnelröhre und gibt den Blick frei auf einen toten Bauvorleistungs-Abschnitt, aber dann rasen die Wände wieder heran bis dicht vor deine Nase. Die meisten Fahrgäste schauen nicht hin, sondern stieren sich lieber ein Loch ins Knie oder sprechen in ihr Mobiltelefon wie der Mann schräg gegenüber: „Richtig, hehehehe! Genau! Hehehehe! Ja, hehehehe! Dann grüß mir mal schön deinen kalt werdenden Kartoffelbrei, Tschau!“ Ich glaube, ich würde mich schämen, so einen Satz laut zu sagen, dass alle rundum ihn hören könnten. Ist der Mobilfunk am Ende erfunden worden, damit ein Knallkopf einen kalten Kartoffelbrei grüßen kann? Was soll bloß aus unseren Kindern werden, bei den Vorleistungen.

Ein junger Mann im grauen Mantel versucht die Süddeutsche zu lesen, ohne der neben ihm sitzenden Türkin dabei ins Gesicht zu langen. Er hat die Zeitung auf ein Viertel zusammengefaltet, zuerst quer und dann längs. Das hilft ihm kaum, aber er muss sowieso raus am Hauptbahnhof. Die Süddeutsche wie auch die FAZ kann man in der Bahn fast so bequem wie ein Buch lesen, wenn man sie zuerst längs und dann quer faltet. Das geht übrigens bei jeder Zeitung mit gerader Spaltenanzahl. Die FAZ hat sogar einmal ein Heftchen herausgebracht, in dem diese probate Faltung erklärt wurde, das ich aber leider nicht mehr finde.

Die Linie 9 hat inzwischen die knallbunte Station Sedanstraße/Lister Meile erreicht. Sie wurde von sieben Graffitikünstlern gestaltet. Vor solchen Arbeiten scheinen andere Sprayer Respekt zu haben. Sie werden fast nie übersprüht oder mit Tags verschmiert. Vielleicht sollten die Städte mehr Auftragsarbeiten vergeben, um der Graffitiplage Herr zu werden. Die Station ist bunt, und ich fürchte bald grau zu werden. Ich habe keine Ahnung, wo die Tarifzone 1 endet, für die ich bezahlt habe. Ab dann bin ich Graufahrer.

Fortsetzung: Lange Straße, Dauerbrot
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