Verlust der Sieben - Eine Fahrt mit der Linie 9 (7)

1) Die Uhr wird geputzt
2) Rein in die Wassersenke
3) Dosenpfand und kleine Finger

4) Grüß mir den Kartoffelbrei
5) Lange Straße - Dauerbrot
6) Grau in den Speckgürtel

Wenn Bothfeld zum Speckgürtel Hannovers gehört, dann ist es durchwachsener Speck. Im alten Ortskern gibt es historische Bauernhöfe in Fachwerkbauweise mit frommen Sprüchen auf den Balken. Bothfeld hat Neubauviertel mit freistehenden Eigenheimen, aber auch Plattenbauten aus den 70er Jahren. Die Metapher Speckgürtel ist bei Wikipedia hübsch erklärt:

„Erhebliche soziale, ökonomische und ökologische Probleme entstehen dadurch, dass die umliegenden Gemeinden insbesondere durch die Stadt-Umland-Wanderung relativ einkommensstarker Haushalte wachsen und vom breiten Infrastrukturangebot der Kernstadt profitieren, ohne über Steuern zu dessen Finanzierung beizutragen. Auch arbeitet ein Großteil der Erwerbstätigen als Pendler in der Kernstadt, zahlt die Lohn- und Einkommensteuern aber in den Wohnsitzgemeinden. Der Begriff „Speckgürtel“ bezieht sich ironisch auf dieses Missverhältnis.“

Wenn der Speck wächst, geht das zu Lasten der darunter liegenden Muskelschichten. Das erklärt, warum die Städte innerhalb der Speckgürtel einen Bereich haben, der mehr oder weniger verkommen wirkt. In Hannover kann man das überall beobachten. Bevor man den Speckgürtel erreicht, muss man durch einen Gürtel der sozialen Deprivation, wo die Menschen einiges zu stemmen haben. Die Ortsteile Bothfeld und Isernhagen gelten als bevorzugte Wohngebiete.

Die Endhaltestelle der Linie 9 liegt direkt hinter einer Autobahn, an der Grenze zu Isernhagen. Die Bahn dreht hier mit quietschenden Rädern auf einem engen Gleisrund zwischen Autobahn und Waldrand. „Fahrgäste bitte aussteigen!“, befiehlt vorher die freundliche Frauenstimme, die alle Ansagen der ÜSTRA (Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG) macht. Sie gehört der Schauspielerin und Synchronsprecherin Katrin Decker. Viele Leute bleiben gleich auf dem Bahnsteig stehen und warten auf den Bus, der sie auf die umliegenden Gemeinden verteilt. Ich bummle hinüber zur anderen Seite des Gleiskörpers. Da ist ein Kiosk, wo ich mich schlau fragen will. Die Frau hinterm Tresen lächelt verlegen und gibt an, nichts zu wissen. Sogar wo der Tabak liegt, den ich kaufen will, muss ich ihr zeigen. „Zweites Regal von unten, die dritte Packung von rechts!“ Sie sucht links.

Fasanenkrug
Im Jahr 1987 ist der alte Fasanenkrug abgerissen worden. Das zum Biergarten des Fasanenkrugs gehörende 100-jährige Hexenhaus blieb stehen. Man hat ein kleines Einkaufszentrum errichtet, das einen Optiker, einen Getränkemarkt und eine Reinigung beherbergt sowie einen neuen Fasanenkrug. Das Hexenhaus wirkt deplaziert, und der Biergarten ist um diese Jahreszeit verödet. Auf einem Waldweg, den man vom Parkplatz des Restaurants Fasanenkrug erreicht, kommt mir aus der Ferne mit forschem Schritt ein kräftiger Mann entgegen.

Ich bin noch auf der Höhe des Biergartens, als er mich erreicht. Er trägt eine Mütze, und ich habe nicht gesehen, dass er Musik hörte. Als ich ihn anspreche, nimmt er die Stöpsel aus den Ohren. „Guten Tag! Kennen Sie sich hier aus?“„Ja“, sagt er, „ich bin hier aufgewachsen und als kleiner Junge überall mit dem Fahrrad herumgefahren.“ „Was gibt es denn hier Besonderes?“ „Früher war hier mal eine Aufzuchtstation“, sagt er und deutet wegwerfend zum Biergarten bin. "Ich habe mein Meerschweinchen hingebracht. Aber jetzt ist ja alles neu bebaut.“ Warum hieß das alte Ausflugslokal Fasanenkrug? „Es gibt hier tatsächlich noch Fasane. Wenn Sie durch den Wald gehen zu den Feldern hin, da gibt es noch Goldfasane.“

Der Mann hat es eilig: „Ich muss nämlich in einer halben Stunde meiner Frau die Monatskarte geben. Deshalb muss ich die Bahn hier kriegen. Kommen Sie mit, dann erzähle ich Ihnen noch was.“ Wir steigen in die Linie 9 Richtung Empelde. Er schimpft auf die 9. „Früher fuhr die Linie 7 zum Fasanenkrug, 55 Jahre lang, aber 2009 hat die ÜSTRA die Nummern getauscht. Die 7 fährt zur Schierholzstraße und hierher die 9. Darüber hat man sich in Bothfeld sehr geärgert.“ „Warum?“ Er kann es mir nicht sagen.

Fortsetzung Bothfelder Zahlenmagie
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