Abendbummel online - Wir stoßen an, egal womit!

Zuerst die schlechte Nachricht: Der Glühwein wird knapp, zumindest in den Supermärkten war heute keiner mehr zu haben. Und wer wollte sich bei diesen Temperaturen auf dem Weihnachtsmarkt an den Glühweinstand stellen. Soviel Glühwein kannst du gar nicht in dich hineinkippen, wie der eisige Ostwind dir an Restwärme aus den Rippen zieht. Am kältesten ist es übrigens vor den Reisebüros. Die haben jetzt Plakate vom Sommerurlaub 2011 im Fenster, darauf lachende Menschen in Badesachen, so gut wie nackt. Das wirkt irgendwie obszön, wenn vor dem Fenster die Schneeflocken silbrig tanzen. Ich musste eine Weile vor einem solchen Reisebüro auf die Straßenbahn warten und habe immer wieder auf diese halbnackten Menschen geguckt, ob sie nicht wenigstens eine Gänsehaut hätten. Wenn das so weiter geht mit der Kälte, sollte die Regierung abdanken, da sie nicht mal die Glühweinversorgung sichern kann. Schließlich hat der Winter gerade erst angefangen.

Jetzt die gute Nachricht. Am Montagmorgen bin ich im Gewerbeamt gewesen und habe den Verlag Teppichhaus Trithemius angemeldet. Heute wurde die erste Produktion aus der Druckerei geliefert und liegt zum Versand bereit. Morgen gehen die „Pataphysikalischen Geheimpapiere“ an die werten Besteller raus. Ein kleiner Rest der Erstauflage ist noch da. Vorerst gibt es Teppichhaus-Bücher nicht im Buchhandel. Demnächst wird man aber von diesem Blog aus den Teppichladen betreten können, sich umsehen und bestellen können. Wer irgendwas Trinkbares zu Hause hat, vielleicht sogar Glühwein, kann mit mir auf das junge Unternehmen anstoßen, ersatzweise mit meiner Filialleiterin Frau Nettesheim und oder umgekehrt.

Trithemius-im-Gewerbeamt
Prost, guten Abend ... und ... Tretet dAdA rein!

Arcade Fire - Ready To Start
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Exklusiv! Geheime Wikileaks-Papiere im Teppichhaus

willst-duAngela-raucht

Weitergeben!
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Achtung, ein pataphysikalisches Buchpäckchen

Das-will-ich!

Jules van der Ley - Pataphysikalische Geheimpapiere
Redigierte Fassung der Reisedokumentation und des Programms
der pataphysikalischen Lese- und Forschungsreise von Hannover nach Aachen sowie weitere Geheimpapiere aus Teppichhaus 1 und 2

Taschenbuch, Format 14,8 x 21,0 cm, 162 Seiten

Wer zwei paar Hosen hat, mache eine zu Geld
und kaufe dieses Buch.

(Georg Christoph Lichtenberg)
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Drei Stunden hinter Frau Nettesheim herlaufen

trithemius & Frau Nettesheim


Trithemius
Stellen Sie sich vor, Frau Nettesheim…

Frau Nettesheim
Wieso, Sie kennen mich doch.

Trithemius
Ich glaube, mein Satz sollte so lauten: Stellen Sie sich vor, Frau Nettesheim, ich bin heute wegen eines umfallenden Weckers aus der Zeit gerutscht und in der Folge drei Stunden zurück. Oder Sie sind mir drei Stunden voraus, wie man’s nimmt.

Frau Nettesheim
Ich nehme an, es ist nur ein technisches Problem, sonst könnten Sie sich nicht mit mir unterhalten.

Trithemius
Wieso? Ich kann Ihren Part der Unterhaltung doch schon vor drei Stunden aufgeschrieben haben und meinen jetzt. Das wäre die Erklärung für das Missverständnis am Anfang der Unterhaltung.

Frau Nettesheim
Trithemius! Sie machen mich ganz verrückt mit diesem Quatsch. Was war also los mit Ihrem Wecker?

Trithemius
Als ich gestern spät zu Bett ging, da habe ich beim Auslöschen des Lichtes den Wecker umgeworfen und im Dunkeln wieder hingestellt. Sie wissen doch, der ist quadratisch.

Frau Nettesheim
Woher sollte ich das wissen? Sollen die Leute denken, ich wäre schon mal in Ihrem Schlafzimmer gewesen?

Trithemius
Sie hätten da ja geputzt haben können.

Frau Nettesheim
Unverschämtheit.

Trithemius
Jedenfalls wurde ich wach um viertel vor drei und dachte: „Nanu? Ist das nicht ein bisschen zu früh?“ Da zwang ich mich, im Bett zu bleiben, und nach etwa einer halben Stunde schlief ich wieder ein. Und wie ich dann erwachte, war es draußen taghell, und mein Telefon klingelte. Ich torkle hin und höre, wie spät es tatsächlich ist. Da hatte ich in der Nacht meinen Wecker um 90 Grad nach links gedreht, und als ich dachte, es ist viertel vor 3 Uhr, war es in Wahrheit 6 Uhr. Jetzt renne ich den ganzen Tag schon diesen drei Stunden hinterher.

Frau Nettesheim
Dann aber flott, schließlich wartet eine Menge Arbeit auf Sie,
nachdem Sie gestern die Buchwerbung veröffentlicht haben.

Trithemius
Sie können ja helfen, nachdem Sie nicht mal mein Schlafzimmer putzen.
(Und sowas will meine Filialleiterin sein.)

Arcade Fire - Ready To Start
1725 mal gelesen

Zweiweg-TV kann kommen, meint Volontär Schmock

Wenn demnächst endlich jeder Haushalt eine GEZ-Zwangsgebühr entrichten muss, ist es an der Zeit, auch die Zweigwegfernseher einzuführen, mit dem der Verfassungsschutz in die Wohnstuben schauen und kontrollieren kann, ob sich auch alle zu den abendlichen Verlautbarungen der fürsorglichen Bundesregierung vor den Bildschirmen versammeln. ARD-Tagesschau und Tagesthemen wären die besten Sendeformate für die Indoktrination, denn schon immer haben viele Bundesbürger den Tagesschausprecher für den Regierungssprecher gehalten.

Desinformation in 42 Zoll
Schau mir in die Augen, Kleines! Foto: Trithemius


Letzte Woche haben Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow und Tagesthemen-Kommentator Rainald Becker sich als hervorragende Propagandisten empfohlen. Der eine heizte mit großem Geschick die Terrorangst an, der andere forderte die notwendige Überwachung aller Bundesbürger, weil sie ja quasi den ärgerlichen Heuhaufen bilden, in dem sich die Nadel Terrorist verstecken kann. Heute habe ich versucht herauszufinden, ob Tom Buhrow und Rainald Becker wirklich geeignete Kandidaten sind, die schwierige Aufgabe der Indoktrination zu übernehmen. Dies wurde allerdings erschwert durch die dürftige Quellenlage.

Die Wikipedia-Einträge sind nichts sagend. Hier sollten beide Kandidaten dringend für eine Vervollständigung sorgen. Da müssen Referenzen hin, mit denen sie sich auch dem Bürger empfehlen. Dass Tom Buhrow ab und zu Marathon läuft, ist nicht wirklich relevant. Schließlich kann auch ein Terrorist Marathonläufer sein. Niemals aber würde ein unsicherer Kantonist zu einem geselligen Abend der Atlantik-Brücke eingeladen, der vom Atlantik-Brücken-Vorsitzenden Friedrich Merz persönlich moderiert wird. Tom Buhrow durfte hier den Impulsvortrag halten. Mit diesem Ritterschlag wurde Buhrow in das machtvollste Netzwerk der westlichen Welt aufgenommen.
Buhrow Atlantikbrücke
Hauptstadt Insider 22.01.2010


Andere können Tom Buhrow bei der Nowak Communikations GmbH mieten. Auch die Econ-Referenten-Agentur bietet seine Dienste an. Schon im Jahr 2009 konnte Tom Buhrow seine Bildschirmpopularität gewinnbringend vermarkten. Für einen Auftritt beim „49. Henkell & Söhnlein Forum" kassierte er etwas mehr als 10.000 Euro. Ein Auftritt beim "Kapitalmarkt Forum" kam leider wegen der Finanzkrise nicht zustande. Hier hätte er von der Deutschen Bank 20.000 Euro Honorar erhalten. Just im Jahr 2009 erhielt Buhrow den Medienpreis der Steuben-Schurz-Gesellschaft. Präsident der Steuben-Schurz-Gesellschaft war von 1975 bis 1980 CDU-Mitglied Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, ebenfalls Mitglied der Atlantik-Brücke und tief verwickelt in die CDU-Spendenaffäre. Sayn-Wittgenstein-Berleburg hatte die kreative Idee zu behaupten, die stattlichen Spenden von Waffenhändler Schreiber und anderen stammten aus "jüdischen Vermächtnissen.“ Eine PR-Meisterleistung.
Zusammenfassend: Als Atlantik-Brücken-Referent, Mietmaul und Träger des Medienpreises der Steuben-Schurz-Gesellschaft hat sich Tom Buhrow überzeugend für die Rolle als Chefpropagandist der Bundesregierung qualifiziert.

Nicht sicher bin ich bei Kandidat Rainald Becker. Über ihn konnte ich bislang nur in Erfahrung bringen, dass er Religion studiert hat und ausgestattet war mit einem Stipendium des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses e.V., einer Journalistenschule in katholischer Trägerschaft. Als Experte für das Kanzleramt dürfte er aber über beste Kontakte zur Bundeskanzlerin verfügen, vielleicht sogar zum Papst. Das allein macht ihn zu einem Kandidaten, gegen den wohl kaum jemand sein volles Kondom in den Ring werfen wird.

Wir haben die geeigneten Prediger -
Der Zweiwegfernseher kann kommen.
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Explosiver Mist geht hoch, just in der Halbzeitpause

zirkus schlechten GeschmacksIch hab die Tür verriegelt. Gestern Abend, denken Sie nur, bei den Tagesthemen in der Halbzeitpause des Fußball-Länderspiels Schweden-Deutschland hält Moderator Tom Buhrow sein Ministrantengesicht in die Kamera und sagt mit großer Miene: „Lange fühlte sich die Terrorangst in Deutschland ja irgendwie diffus an, eher wie ein beklemmendes Unbehagen. Aber heute sprach Bundesinnenminister de Maizière die dramatischste Warnung seiner Amtszeit aus. Auch wenn er sich bemühte, sie sachlich vorzutragen. Noch in diesem Monat könnten islamische Terroristen versuchen, in Deutschland einen Anschlag zu verüben. Die Hinweise waren noch nie so konkret.“

Na, das kommt ja wie ein bestelltes Päckchen, passend zur Konferenz der Innenminster. Da haben sie sich wieder was von Obama abgeguckt und gedacht, „yes, we can auch!“ Schon quakt der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl:
„Wer sich jetzt noch gegen die Vorratsdatenspeicherung wehrt, hat die Bedrohungslage nicht verstanden.“
„Die Polizei der Länder soll Telefonate und E-Mails vorbeugend überwachen dürfen, forderte auch CDU-Politiker Schünemann. Auch Online-Durchsuchungen von Computern sollten erlaubt werden.“
(Tageschau.de)

Ach, sie halten uns für so dumm. Sie denken, wir sind kleine Mädchen, die eins und eins nicht zusammenzählen können, denen man was vom Buhmann erzählen kann. Sie geben sich kaum noch Mühe, ihr schändliches Tun zu verbergen, so sehr vertrauen sie auf ihre Praktiken der Desinformation. Regierung, Staats-Fernsehen und Schmockpresse vereint. Und schon zeigt uns die Tagesschau Bilder von Polizisten in schusssicherer Weste und mit der Maschinenpistole vorm Bauch, an die wir Bürger uns „gewöhnen sollen“ (de Maizière) wenn sie an den so genannten weichen Zielen, an Bahnhöfen, Flughäfen und auf Weihnachtsmärkten patrouillieren.

Bitte vorsichtig über die Straße gehen, denn im Straßenverkehr werden jährlich um die 4000 Menschen tot gemacht. Die Polizei ist machtlos, denn sie muss ja auf de Maizières „dramatischste Warnung seiner Amtszeit“ reagieren (er ist grad mal ein Jahr im Amt) und nach Terroristen Ausschau halten, die eventuell gegebenenfalls vielleicht versuchen könnten, in Deutschland Anschläge zu verüben. Es gibt Hinweise aus zuverlässiger Quelle. Sie kommen direkt aus dem Innenministerium.

Verlogenes Pack! Sollten „islamistische Terroristen“ tatsächlich in Deutschland einen Anschlag verüben, dann sind es eure Terroristen, weil ihr Krieg führt in Afghanistan, was die deutsche Bevölkerung mehrheitlich ablehnt, weil es Unrecht ist. Und wie ihr den Terror herbeiredet, das ist verantwortungslos, beinah verbrecherisch, denn das alles dient dazu, die Freiheitsrechte einzuschränken und unsere schöne Demokratie zu ruinieren.

Man kann es
schon spüren, dieses „beklemmende Unbehagen“. Es ist auch gar nicht mehr „diffus“. Es hat Gesicht und Stimme. Dass der Innenminister sein perfides Süppchen kocht, kann man ja noch ertragen. Das ist nicht anders zu erwarten. Aber dass Leute wie Tom Buhrow diesen Schmarrn ohne jede kritische Distanz verbreiten, ist unerträglich. Er kassiert sein Gehalt aus unseren GEZ-Gebühren und macht den Regierungspapagei. Die Terroristen kriechen nicht gerade aus einem Loch - sie sind längst unter uns. Sie sind gut dotiert, rasiert und abgepudert, tragen Krawatte und schmeißen verbale Stinkbomben - im Zirkus des schlechten Geschmacks.

Edit
(20.11.2010): Vorsicht, dieser Mann lässt Tüten sprengen!
2868 mal gelesen

Abenbummel online - Geschichtsbuch im Container

Eigentlich wollte ich nur einkaufen und Glasbehälter in die Container werfen. Ich weiß nicht, was es ist, aber wenn ich leere Glasbehälter in Container sortiere, werde ich trübsinnig. Da dachte ich, das soll es nicht gewesen sein, geh ein bisschen weiter und suche mal Straßen auf, in denen du eigentlich nichts zu suchen hast. Es war noch früh, so gegen 17:30 Uhr, aber schon finster. Da bekam ich überall kostenloses Fenstertheater. Es schickt sich nicht, in fremde Wohnungen zu schauen, aber ich tat es, wo immer es ging. Manchen Leuten scheint es nichts auszumachen, dass man von der Straße in ihre Zimmer schauen kann. Es wäre noch zu verstehen, wenn einer eine besonders hübsche Wohnung hat. Aber gerade die mit den bescheidenen Wohnungen haben häufig keine Scheu und zeigen ihre beinah trostlose Lebenswelt, wie manche gerne ihr offenes Bein oder ihre Geschwüre vorzeigen. Und womit sie ihr Heim schmücken, dagegen ist ein offenes Bein gar nichts.

GeschichtsbuchDie vielen Einblicke in fremde Lebenswelten weckten in mir eine schier unbändige Gucklust. Irgendwann geriet ich in eine Straße, in der ich mir einmal eine Wohnung angeschaut hatte, bevor ich mich von Aachen nach Hannover verpflanzt habe, wo alles größer, aber auch kälter ist. Da war ein Gerüst vor einem Haus, und wie ich drunter durch ging, sah ich ein Ladenlokal mit einem Durcheinander an alten Büchern, Heften und dem Kram vergangener Zeiten. Die Tür stand auf, und ein bärtiger Mann sah zu, wie ein jüngerer bartloser Mann Regale heraus trug. Der bärtige Mann hatte es nämlich an den Bandscheiben, wie er mir sagte, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob ich das Durcheinander ablichten dürfte. Leider hatte ich nur mein Handy bei mir. Der Bärtige ließ mich bereitwillig ein, und ich knippste, was von seinem Antiquariat übrig war.

Er sagte, der Hausbesitzer hätte ihm gekündigt, und jetzt müsse alles raus. Sein Laden wäre keine große Sache gewesen, ein Treffpunkt für Freunde und Stammkunden, worin man gesessen und gequatscht habe. Ich sagte, das ist ein Kulturverlust. Leute wie der Bärtige tragen mehr zur Kultur bei, als man auf Anhieb denken könnte. Sie bieten nicht nur einen Ort der zwischenmenschlichen Kommunikation, sondern wahren durch ihre Sammlung alter Gegenstände, Bücher, Plakate und Zeitschriften unsere kollektive Erinnerung und zeigen, dass wir eine Vergangenheit haben, in denen all die Dinge der Sammlung einmal Gegenwart waren. Unsere Gegenwart ist nur zu verstehen, wenn wir wissen, wie wir dahin gekommen sind, was vorher war und unser Denken und Fühlen bestimmt hat. So ein Laden ist ein Geschichtsbuch, in dem sich zu lesen lohnt. Wenn ein solches Geschichtsbuch zugeklappt wird, verlieren wir ein Stück unserer Identität.

Später ging ich in den Supermarkt und konnte das Übermaß an optischen Reizen kaum verarbeiten. Überall diese schreienden Schilder, die mir eine Senkung der Preise verkündeten. Und all die Produkte, die ich nicht brauche. Da war auch ein lebensgroßer Aufsteller eines Mannes in weinroter Schürze. Darauf stand; „Kolja Kleeberg kocht mit Ihnen!“ Nicht mit mir. Ich kenne den nicht. Und ich kann auch nicht glauben, dass eine Pappfigur kochen kann. Wie soll das gehen? Hat der Karton-Kleeberg hinten ein System von Schnüren und zwischen den Beinen einen Zipfel, an dem man ziehen muss, und dann hebt er den Arm mit einer Maggiflasche in der Hand?

Wir wissen alle, man darf solche Werbepappkameraden nicht ernst nehmen. Der richtige Kolja Kleeberg wird mit keinem der Leute kochen, die in den Läden der Supermarktkette einkaufen. Warum funktioniert diese Form der Werbung trotzdem? Vor Jahren, als ich noch ein Kindergartenkind war, spielten wir einmal im großen Sandkasten. Die Erzieherin hatte uns angeregt, ein Auto aus Sand zu bauen, ein Kabrio. Wir schaufelten und modellierten eifrig die Form; ich sehe mich noch heute sorgsam die Sandsitze plattklopfen. Die Erzieherin hatte nämlich gesagt, wenn das Auto fertig wäre, würden wir damit nach Bonn fahren. Warum sie nach Bonn wollte, weiß ich nicht, ich zweifelte auch daran, dass unser Sandauto sich bewegen würde, aber insgeheim wollte ich ihr glauben. Schließlich hatte sie es gesagt, und sie war eine Autoritätsperson. Ich verehrte sie, sie war mein Star, bevor ich das Wort überhaupt kannte.

Was da in mir an die Fahrt mit einem Sandauto glaubte, das magische Denken des Kindes, verliert sich in den Jahren nach der Kindergartenzeit. Aber Reste davon stecken noch in jedem von uns. Und an dieses verborgene magische Denken appelliert die Werbung. Die Autoritäten sind die Aufschrift und das Abbild. Ihre Botschaft lässt uns auf Werbung reagieren. Aber wenn die Jahre darüber gegangen sind, wenn die Abbilder veraltet sind und die Moden sich geändert haben, erkennen wir das Falsche der großartigen Versprechungen, erkennen die Absurdität dessen, was wir einmal als normal empfunden haben.


In zehn Jahren werden wir den Kolja-Kleeberg-Aufsteller lächerlich finden, aber er war einmal Teil unserer Normalität und hat unser Denken geprägt. Gut, wenn es Leute gibt, die solche Artefakte vor dem Container bewahren, nachdem sie aus der Denkmode gekommen sind.

Guten Abend
1890 mal gelesen

Ein Bummel wider die Domestizierung des Denkens

trithemius & Frau Nettesheim

Trithemius
Gestern beim Abendbummel …

Frau Nettesheim
Ach, ich dachte schon, Sie hätten diese nützliche Angewohnheit abgelegt.

Trithemius
Und schon unterbrechen Sie mich wieder, Frau Nettesheim. Also, noch mal von vorne. Gestern, im Laufe eines Abendbummels, es war schon dunkel, da hat es mich in eine hübsche Kneipe verschlagen, wo ich mich an die Theke setzte.

Frau Nettesheim
Demnach bummelten Sie im Sitzen.

Trithemius
Immerhin musste ich gehen, um zu sitzen. Während der Sitzphase meines Bummels bekam ich Lust zu schreiben, erbat mir von der Bedienung ein Blöckchen und schrieb irgendwas, und davon ziemlich viel. Plötzlich ging die Tür auf und drei attraktive Frauen traten ein. Vielmehr hatten zwei Blondinen eine kleine Brünette in ihrer Mitte und halfen ihr in Wort und Tat durch die Tür, so dass ich dachte, die Brünette wäre blind. Sie hatte aber nur die Augen geschlossen gehalten, wie ich später erkannte, als die drei sich seitlich von mir an die Theke gesetzt hatten.

Frau Nettesheim
Blindekuh?

Trithemius
Es ist nicht besonders freundlich, wenn Sie eine Geschlechtsgenossin blinde Kuh nennen. Das wirkt auf mich, um im Tierbereich zu bleiben, irgendwie stutenbissig.

Frau Nettesheim
Quatsch. Es trifft doch den Sachverhalt.

Trithemius
Nur ungefähr. Als eine Vierte hinzukam, rügte die größere Blondine, sie habe nun verpasst, wie sie Tanja mit geschlossenen Augen durch Linden geführt hätten. Tanja war demnach in einer befremdlichen Situation. Sie hatte zwar die Innenansicht der Kneipe, wusste aber nicht, wie’s draußen aussieht. Das gibt dem Spiel einen unerwarteten Sinn, der über Blindekuh hinausgeht. Es war eine Aktion wider die Domestizierung des Geistes.

Frau Nettesheim
Ach.

Trithemius
Ja, Frau Lakonisch. Es gibt ja vieles, was den Geist domestiziert, dass er zum willfährigen Haustier degeneriert wie eine Kuh, die sich allabendlich zum Melken anstellt, oder ein Pferd, das stoisch einen Karren zieht.

Frau Nettesheim
Fernsehen, Zeitungen, Moden, alles, was vorgedacht wird, so dass man es nur noch nachvollziehen muss.

Trithemius
Sie sagen es. Auch die Moden der Vornamen domestizieren, dass Frauen Ende dreißig, Anfang vierzig meist Tanja, Katja oder Daniela heißen und nicht etwa Helene wie Sie, Frau Nettesheim, ein Name, der quasi aus der Zeit ist.

Frau Nettesheim
Sehen Sie sich vor, Trithemius.

Trithemius
Die Moden des Denkens sind jedenfalls geistige Schranken. Irgendwo im riesigen Urwald des Kopfes wird ein Park angelegt, und je mehr sich ein Mensch an den jeweiligen Denkmoden orientiert, desto stärker gleicht der geläufige Park seines Geistes den Parks in den Köpfen der anderen. Da hilft es, sich einmal befremdlichen Erfahrungen auszusetzen, den Park durch ein verwunschenes Gartentörchen zu verlassen, und so hat Ihre blinde Kuh an diesem Abend mehr gesehen als alle, die mit offenen Augen das gesehen haben, was sie kennen und auf ihrer inneren Landkarte verorten können.

Frau Nettesheim
Sie haben das hoffentlich nicht nachgemacht und sind mit geschlossenen Augen nach Hause gegangen.

Trithemius
Nein, aber in der Kneipe hingen zwei Krokodile an der Decke und zwar so, dass es aussah, als würden sie die da lang kriechen. Weil aber der Nachthimmel zu weit weg war, um als Decke durchgehen zu können, dachte ich mir die Straße als Decke, und ich würde kopfüber gehen, quasi wie die Gegenfüßler down under. Da hatte ich Mühe, nach Hause zu kommen, einerseits, weil ich nach Krokodilen Ausschau halten musste, anderseits, weil ich fürchtete, die Bodenhaftung zu verlieren und ins weite Weltall zu treiben.

Frau Nettesheim
Sie hatten wohl ein Pils zuviel getrunken.

Trithemius

Schon domestiziert sie wieder mein Denken.

1631 mal gelesen

Huhu, Karl-Theodor und sonst was zu Guttenberg!

zirkus schlechten GeschmacksWarum deutsche Soldaten den einen oder anderen Afghanen erschießen und manche dabei selbst zu Tode kommen, haben Sie jetzt in bester Köhler-Manier bekannt. Die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands müssten auch militärisch abgesichert werden, zitiert Sie der Focus. Genauer: „Der Zusammenhang von regionaler Sicherheit und deutschen Wirtschaftsinteressen müsse offen und ohne Verklemmung angesprochen werden, forderte der CSU-Minister (...) bei der Berliner Sicherheitskonferenz.“ Da merkt man gleich, dass die Guttenbergs mal Raubritter waren und der sagenhafte Reichtum Ihrer Familie auf Wegelagerei und Geiselnahme zurückgeht.

Nach Ihrer Logik darf ich also auch meinen Nachbarn erschießen, wenn ich Interesse an seinem Auto habe, oder? Und denken Sie mal darüber nach, ob Sie das Familienvermögen freiwillig herausgeben, oder ob wir zur Wahrung egoistischer Wirtschaftsinteressen mit schweren Feldhaubitzen anrücken sollen.

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Zirkus des schlechten Geschmacks
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Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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