Gut gestützter Abendbummel

Eigentlich wollten wir uns ja heute einen faulen Tag machen, zumal es draußen irgendwie herbstlich ist. Raus müssen wir trotzdem, denn wir sind ja Regenmenschen. Bei Regen und Wind ist viel mehr Sauerstoff in der Luft. Das habe ich früher beim Radsport deutlich spüren können. Regen wirkt sich positiv auf die Ausdauerleistung aus.

grosse tasse kaf"Aus aus", also der Radsport. Er fordert viel Zeit, und die habe ich grad mal nicht. Doch Zeit für einen Kaf muss drin sein.
Kaf ist kein Tippfehler. Die Computerkassen sind gnadenlose Orthographie-Determinatoren. Allerdings hätte der Programmierer der Kasse auch „kleiner Kaffee“ – „großer Kaffee“ ins Programm eingeben können, das hätte gepasst, zumal "große" sowieso falsch geschrieben ist und damit ein Buchstabe zu lang.

So ein Kassenzettel ist eine wahre Plaudertasche. Der Kunde ist also am 29. Juni 2007 um 17:32 Uhr im Cafe am Münsterplatz an die Theke getreten, hat „eine grosse Tasse Kaf“ gekauft und ein "Wrap vegetarisch" dazu. Bedient hat ihn eine Frau Ebdalin. Ihr Name steht auch auf einem Schild an ihrem Kittel. Sie ist eine öffentliche Person. Die Bestellung hat den Kunden ein kleines Vermögen gekostet, wenn man es in Deutsche Mark umrechnet. 1,30 DM beträgt die Mehrwertsteuer. Von der Summe, die den Tasse-Kaf-Trinkern an einem Tag in diesem Cafe im Auftrag des Finanzministers abgezockt wird, könnte einer von ihnen eine Villa am Starnberger See mieten. Pardon, das waren jetzt viele Umstandsangaben in einem stilistisch dafür eher ungeeigneten Relativsatz. Die ganze Satzkonstruktion ist eine Zumutung. Ich würde hier nicht weiterlesen.

Rein in die KompressionWerbung kann so verführerisch sein. Fast jeden Tag lockt mich dieser Korb. Ob das Einsteigerset etwas Ähnliches ist wie ein Schuhlöffel für Kompressionsstrümpfe? Mit Gleitöl? Oder soll der übermütige Passant zum Hals-über-Kopf-Einstieg in die wunderbare Welt der Körperkompression verlockt werden? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall hat die Kompressionsware Zukunft. Sie geht gut, anders als Umstandsmode. Allerdings habe ich heute seit langer Zeit mal wieder eine Schwangere gesehen. Sie stand vor mir an der Kasse des Supermarkts. Dass sie am 29. Juni 2007 um 19:05 Uhr in just diesem Supermarkt eingekauft hat, weiß auch ihre Bank. Wer viel mit Karte bezahlt, dessen Leben lässt sich bei seiner Bank ziemlich genau nachzeichnen. Das ist eigentlich noch viel seltsamer als ein Kompressionsstrumpfeinsteigerset.

Der Verkauf von Umstandsmode lohnt sich nicht mehr

Guten Abend

(Fotos: Trithemius)
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Ich bin der Knut

Meine Mutter war keine Sprachpuristin. Doch wenn ich als Kind einen Satz sagte wie: „Die hat mich geärgert“, korrigierte meine Mutter: „Die steht om Maat un verköv Äppel!“ (Die steht auf dem Markt und verkauft Äpfel.) „Die“ ist eben kein Personalpronomen, sondern ein Artikel (Geschlechtswort), und allenfalls eine namenlose Marktfrau dürfte man so abfällig benennen als wäre sie ein Ding.

Der Lehrer fordert Fritzchen auf, einen Satz mit den Artikeln der, die, das zu bilden. Fritzchen sagt:
Meine Schwester bekommt ein Kind.
Der die das gemacht hat, ist abgehauen.
"Die steht om Maat un verköv Äppel", - was nicht angenehm für eine Schwangere ist, abgesehen davon, dass „die“ in diesem Satz auch grammatisch falsch ist.

Ein Satz aus dem Rheinland mit dem Gleichklang von das: "Dat dat dat darf?" Es kommt darauf an, wer mit dat gemeint ist, obwohl Frauen ja eigentlich fast alles dürfen.

Der, die das sind Artikel und stehen als Begleiter des Substantivs in der Stellung eines Attributs. Sie geben das grammatische Geschlecht eines Substantivs an: der (Maskulinum), die (Femininum), das (Neutrum). Die drei grammatischen Geschlechter der deutschen Sprache haben nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun, denn hier gibt es nur zwei. Zudem folgt das grammatische Geschlecht auch keiner eindeutigen Logik. Der Leser kann auch eine Frau sein oder ein Kind. Leider haben feministische LinguistInnen der 80er Jahre den Unterschied und die Unterschiedinnen zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht nicht wahrhaben wollen und uns die hässlichen Doppelformen sowie das große Binnen-I eingebrockt.

Die daIn den 80er Jahren gab es eine weibliche Gesangsgruppe mit dem Namen „Narziss, Goldmund und Die-da“. Die-da war die Tochter des Produzenten der Gruppe. Bei den ersten Studioaufnahmen fehlte eine dritte Stimme. Weil man so rasch keine weitere Sängerin auftreiben konnte, soll der Produzent auf seine zufällig anwesende Tochter gezeigt haben mit den Worten: „Nehmt doch die da!“ Schon hatte seine dickliche Tochter den Namen einer Unperson. Das wird ihr Selbstwertgefühl ungemein gestärkt haben. Wohl dem, der einen liebenden Vater hat.

Die Konkreta des deutschen Substantivs haben zwei Untergruppen: Name und Klassenbezeichnung. Klassenbezeichnungen wie: Mensch, Hund, Holz, Baum können mit einem Artikel versehen werden. Personennamen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel; die Doris, der Dieter, die Verona - solche Bildungen sind umgangssprachlich, haben sich jedoch aus der Jugendsprache der 60er Jahre in die Allgemeinsprache eingeschlichen.

Es klingt seltsam, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an? Was kennzeichnet diese Klasse? Sind alle Sandras blond, aufgebrezelt und arbeiten in einem Fingernagelstudio? Wer solche Vermutungen nicht aufkommen lassen will, sollte den Vornamen nicht unnötig mit einem Artikel belasten.

Bei „der Jörg“ hingegen finde ich den Artikel angebracht, denn mir sind schon viele windige Jörgs über den Weg gelaufen. Der erste Jörg lieh sich eine große Kiste mit Piccolo-Comics von mir. Als ich sie zurückhaben wollte, sagte er leichthin, sein Vater habe die Kiste im Garten verbrannt. Seither bin ich bei den Jörgs immer vorsichtig, desgleichen bei den Trägern der Langform Jürgen. Was hat es eigentlich mit dem Jürgen-Möllemann-Video auf sich, von dem BILD heute berichtet?

Teppichhaus-Textberatung
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