Plausch mit Frau Nettesheim - Blinkende Luftlöcher

trithemius & Frau Nettesheim



Frau Nettesheim

Herr Teppichhändler Trithemius …

Trithemius
Oje, das klingt nach Ärger.

Frau Nettesheim
… was ist los mit Ihnen? Warum …

Trithemius
Frag ich mich auch, Frau Nettesheim. Warum, warum, warum.

Frau Nettesheim
… schreiben Sie kaum noch etwas. Sitzen Sie nur herum und starren Löcher in die Luft?

Trithemius
Ja, und es ist verdammt viel Arbeit, das Nichts anschließend zu glasieren.

Frau Nettesheim
Trithemius! In wenigen Tagen besteht das Teppichhaus fünf Jahre, und ich sehe nicht die geringsten Anstalten, wie Sie das zu feiern gedenken. Früher haben Sie immer behauptet, der Herbst sei Ihre kreativste Jahreszeit.

Trithemius
Na gut, dann will ich Ihnen das ganze Elend offenbaren. Erstens, zweitens und drittens. Erstens: Die Welt ist derart gaga, korrupt und verlogen, dass ich denke, die kann mich mal. Zweitens: Meine eigenen Ansprüche sind mir über den Kopf gewachsen. Drittens: Es fehlt mir die Lebendigkeit im Laden. Schauen Sie mich an, Frau Nettesheim, bin ich irgendwie abschreckend, so dass die Leute lieber gar nicht erst über die Türschwelle treten?

Frau Nettesheim
Für mich sehen Sie nicht schlimmer aus als früher. Aber ich sehe Sie jeden Tag, das kann schon ein bisschen abstumpfen.

Trithemius
Ah, vielen Dank. Dann wäre das schon mal geklärt.

Frau Nettesheim
Vielleicht liegt es an Ihrem grauen Kittel. Schließlich ist überall Kirmes, und das rund um die Uhr, tagein, tagaus.

Trithemius
Ja, soll ich vielleicht ein blinkendes Armband tragen oder mehr, dass ich aussehe wie der elektrische Reiter?

Frau Nettesheim
Es würde schon reichen, wenn Sie Ihre Ansprüche nicht durch die Decke wachsen lassen. Vor allem sollten Sie sich nicht abschrecken lassen vom Weltgeschehen. Zumindest gaga sind Sie doch selbst.

Trithemius
Ach so.

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Talentierter Mann - Schwarze Kunst mit Guttenberg

Bildungsfernsehen
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit." (Immanuel Kant)
B42 - Schwarze Kunst
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Rock Werchter - Ein Junge wird verrückt gemacht

Alljährlich zwischen Ende Juni und Anfang Juli findet in dem kleinen flämischen Ort Werchter ein mehrtägiges Rockkonzert statt, zu dem sich rund 100.000 Besucher einfinden. Beim diesjährigen Rock Werchter trat auch die Indie-Rockband Editors auf. Unter anderem sang der Frontmann der Band, Tom Smith, ein Mann mit hinreißend schöner Bariton-Stimme, solo den Song: No Sound But The Wind.

Im Mitschnitt dieses Auftritts kommt bei 1:45 ein Junge ins Bild, der mit geschlossenen Augen mitsingt. Bei 2:08 erfasst ihn die Kamera wieder. Er scheint den Song hingebungsvoll zu beten. 2:48 - Erneuter Schnitt auf den Jungen. Der Gesang lässt ihn mitschwingen und seine Umgebung vergessen. Da gibt es nur den Sänger auf der Bühne und ihn, mit dem er eins zu werden scheint. 3:09 - Jetzt hat der junge Mann offenbar realisiert, dass er von der Kamera erfasst wurde und sein Bild auf mehreren Großbildschirmen erscheint. Er senkt einmal den Kopf, und dann irrt sein Blick erfreut Richtung Kamera. Er ist offenbar überwältigt, steckt vor Schreck den Finger in den Mund. Bei 3:30 wirft er sich in Pose, singt jetzt mit ausgestrecktem Arm und vergewissert sich seiner, indem er wieder nach rechts in die Kamera lugt. 3:31 - Die Menge jubelt ihm zu, er schließt die Augen und fasst sich auf den Kopf, ist überglücklich, derart im Rampenlicht zu stehen, ja, für einen Moment dem Sänger die Show zu stehlen. 3:33 - Schnitt auf Tom Smith. Er lächelt, weil er offenbar mitbekommen hat, was die Menge so begeistert. 3:45 – Das Lied klingt aus, Schnitt auf den Jungen, der jetzt mit hochgereckten Armen applaudiert und danach erneut glücklich zur Kamera schielt.




Kameraleute und Regisseure suchen nach solchen Bildern, denn unverfälschte Gefühle können eindrucksvoller sein als professionelle Darbietungen auf der Medienbühne, die ja vom Kalkül und der ausgefeilten Inszenierung geprägt sind. Demgemäß haben die Massenmedien längst alle Hemmungen abgelegt, wenn es darum geht, solche Augenblicke ans Licht zu zerren und aufzusaugen. Dabei werden diese Augenblicke ihrer Eigentlichkeit beraubt, werden ihrerseits zu medialen Inszenierungen und damit verfälscht.

Wie die Massenmedien solche Ereignisse ausschlachten, ist im zweiten Video zu sehen. Auf Canvas, einem Fernsehprogramm des Flämischen Rundfunks VRT, wurde ein Zusammenschnitt der Szenen gezeigt, ergänzt um weitere Kameraeinstellungen. Dieser Mitschnitt hat bei YouTube inzwischen über 241.000 Aufrufe.



Mediale Aufmerksamkeit ist die Droge unserer Tage, und Medienmacher sind die Dealer. Dealer machen sich um die Auswirkungen ihres Drogenhandels keine Gedanken, wie auch die beiden TV-Moderatoren von Canvas beweisen. Sie finden es nur "schön" und "super", dass ein Fan so mit der Musik mitgeht, wobei sie geflissentlich unterschlagen, dass die Kameraaufmerksamkeit das Ausflippen des Jungen erst provoziert hat, zu sehen ab 1:40. Die Massenmedien verabreichen ihre Droge selbst jungen und ungefestigten Menschen, zerren sie in Castingshows oder holen sie aus der Menge. Wie mag der Junge mit dieser urplötzlichen Popularität umgehen? Kann er sich einfach wieder einer vernünftigen Ausbildung und Zukunftsplanung widmen? Und wie wirken solche Medienereignisse auf andere Jugendliche?

Das erinnert mich an eine griechische Sage: Einem Bauern fällt die einzige Hacke in den Fluss, und er sieht seinen Lebensunterhalt bedroht. Da fleht er die Götter an, ihm zu helfen, und jammert dabei so laut, dass die Götter es nicht mehr ertragen können, worauf sie dem Bauern eine goldene Hacke vom Himmel werfen. Da werfen auch andere Bauern ihre Hacken in den Fluss und beginnen ebenfalls zu jammern. Aber soviel Mitleid haben die Götter dann doch nicht und vermutlich auch nicht so viele goldene Hacken.

Einem Bauer haben die Götter vielleicht geholfen, die anderen aber ins Elend gestürzt. Und es ist auch hier zu fragen, ob eine goldene Hacke überhaupt dazu taugt, den Acker ordentlich zu bearbeiten.

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Ich schreibe wie ... Rainald Goetz an den Presserat

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Beschwerde FAZ

Hintergrund: Schreiben wie blöd - FAZ.NET auf Bauernfang
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Schreiben wie blöd - FAZ.net auf Bauernfang

zirkus schlechten GeschmacksAm Sonntag, dem 10. Oktober 2010, saß der US-amerikanische Soul- und Rhythm-and-Blues-Sänger Solomon Burke in einem Flugzeug aus Los Angeles mit Ziel Amsterdam. Während der Landung auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol verstarb er an einem Herzanfall.

Nachdem der flämische Musiksender Studio Brussel den tragischen Todesfall zeitnah gemeldet hatte, sang Solomon Burke den von ihm komponierten Titel „Everybody Needs Somebody to Love“, eine beachtliche Leistung für einen Toten. Er wird wohl noch nicht ganz kalt gewesen sein.

Weil die Medien über gottgleiche Fähigkeiten verfügen, weil sie über den Tod hinaus jeden noch einmal auf die Bühne zerren können sooft sie wollen, wunderte ich mich kaum, als ich im Blog von Mimiotschka die Titelzeile las: „Kafka schreibt bei BILD“. Irgendwie werden die Halunken ihn reanimiert haben, dachte ich, haben ihm Blatt und Feder in die Hand gedrückt, und schon brachte der fügsame Franz seine kafkaesken Sätze zu Papier. Es war aber anders. Mimiotschka hatte einen Text aus BILD von einem Programm testen lassen, das man bei Faz.net finden kann. Faz.net wirbt:
„Ich schreibe wie … Franz Kafka? Oder eher wie Ildiko von Kürthy, Ingeborg Bachmann, Maxim Biller? Oder schreibe ich wie Goethe? Wenn Sie wissen wollen, ob Sie Stil haben und wenn ja: welchen - dann gibt es jetzt endlich eine absolut sichere und unbestechliche Messmethode. (…)“
Mit dieser absolut sicheren und unbestechlichen Messmethode hat das Testprogramm also Franz Kafkas würdige Nachfolger gefunden: die verschmockten BILD-Schreiberknechte. Bei einem Test, den der Kollege Noemix anschließend mit Schillers „Lied von der Glocke“ machte, kam an den Tag, die Ballade stammt eigentlich von Goethe.

Was haben sich die Redakteure von Faz.net dabei gedacht, ein derart lachhaftes Tool bereitzustellen? Sie rechnen mit der Eitelkeit der Internetnutzer, und ein Blick in die Blogosphäre zeigt, dass dieser Test sich großer Beliebtheit erfreut. Blogger vermelden, sie würden wie Rainald Goetz schreiben, wie Nietzsche, Charlotte Roche oder wie der unsägliche Maxim Biller. Mal abgesehen davon, dass dieses Programm nicht kann, was FAZ.net vollmundig verspricht, seit wann ist ein nachgemachter Schreibstil ein Qualitätsmerkmal? Offenbar handelt es sich um eine versteckte Werbeaktion für den Buchhandel, denn wer erfahren hat, in wessen Stil er angeblich schreibt, wird auf die entsprechenden Buchrezensionen in der FAZ hingewiesen. So geht Qualitätsjournalismus.

Das Testprogramm ist eine Adaption des englischen "I Write Like" von Coding Robots und stammt in der deutschen Fassung von Scribando, einem Literatur-Marketingunternehmen mit Sitz in Wien. Scribando preist seine Leistungen an mit den ulkigen Worten: „Kung Fu für eine neue Schriftstellergeneration“. Kung Fu beim Schreiben? Wie geht das? Muss man einen Stapel Dachziegel mit dem Kopf zerdeppern, um Mitglied dieser neuen Schriftstellergeneration zu werden? Ich wollte deren Hirnriss nicht lesen.

Abgelegt unter: Zirkus des schlechten Geschmacks

Ich schreibe wie Rainald Goetz an den Presserat
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Was haben Sie letzte Nacht geträumt, Trithemius?

Trittenheim-Traumtagebuch

Fotos und Gifgrafik der Traumsequenz: Trithemius
Szenenbild der Sitzung nach einer Vorlage von Eugene Faust
Musik: Martin Kratochwil


Abgelegt unter: Mein surrealer Alltag
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Wundersame Sprechstunde bei Frau Doktor Faust

In letzter Zeit, die Besucher des Teppichhauses werden es bemerkt haben, sind die Angebote im Laden ein wenig einseitig. Lange Teppiche, deren Muster nur Buchstaben aufweisen. Ich weiß auch nicht, woran es liegt. Gestern nun, da habe ich der Frau Doktor mein Leid geklagt, worauf sie mir gleich einen Termin einräumte, denn sie sah wohl, dass die Sache keinen Aufschub verträgt. Wie die erste Sitzung verlief, ist bei Frau Doktor Eugene Faust im Kommentarteil dokumentiert. Aber sie wird noch ein bisschen an mir rumtherapieren müssen, wie das tragische Dokument der Fortsetzung zeigt:

couch3

(Szenenbild: Eugene Faust - Gif, Fortsetzung: Trithemius)
Abgelegt unter: Mein surrealer Alltag
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Gastautor Careca trinkt für zehn Euro Bier


Im Dienste der Ethnologie habe ich schon manches gewagt, sogar eine Bratwurst mit dicker, knubbeliger Soße gegessen, die mir auf einem rheinischen Gutshof angeboten wurde. Mein Magen wunderte sich tagelang, denn er ist seit Jahrzehnten nur vegetarische Kost gewöhnt. Aber es gibt auch Sitten und Gebräuche, die zu studieren ich meinem zarten Gemüt nicht antun möchte, zum Beispiel das Münchener Oktoberfest zu besuchen. Blogfreund Careca hat das gemacht. Er ist ziemlich abgehärtet, denn er lebt seit einiger Zeit unter Bayern. Was er nebenher über Bier erzählt, ist vielleicht hart an der Wirklichkeit, könnte aber auch ein bisschen erdichtet sein. Das macht jedoch nichts, denn die Ethnologie ist eine erzählende Wissenschaft. Viel Vergnügen beim Lesen!


Über Sicherheitskonzepte, Keferloher und Bierrezepte
von CARECA


»Erst wenn das letzte Holzfass von der Schänke weggerollt, der letzte Bierkrug zur Neige geht, der letzte Schluck geschluckt ist, werdet ihr merken, dass das Oktoberfest längst gelaufen ist.«

Aschfahl saßen sie mir gegenüber. Fleischgewordene Klischee-Bayern. Mit weiß-gelblichem Rauschebart, tiefen Fältchen um die Augenwinkeln, buschig schwarze Augenbrauen im Stile eines Theo Waigels, bayrischem Hut, darauf buschiger Gamsbart und grüne Joppe, eine dieser Jacken aus dickem Wollstoff. Ja, ich musste eine der seltenen Spezies der Bayern vor mir haben. Sie waren in Gesprächen vertieft, die ich nicht verstand. Ihr bayrischer Dialekt war mir zu unverständlich. Der Biergarten war überfüllt, und in den Gängen um die Biertische kreisten die Suchenden nach freien Plätzen. Denn ohne Sitzplatz gibt es auch kein Bier.

Aufgrund des 200-Jahr-Jubiläums des Oktoberfestes gibt es zusätzlich zu der normalen »Wiesn« dieses Jahr erstmals ein »Historische Wiesn«. In einem abgetrennten Bereich der Theresienwiese wurde versucht, den Besuchern für 4 Euro Eintritt die alte, bayrische Tradition des Kirmes-Feierns nahe zu bringen. Seien es nun alte Lanz Bulldogs aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts oder alte Kirmesorgeln oder ein Streichelzoo mit bayrischen Viechern, deren »Muh«, »Bäääh« oder »Iah« sich auch nicht bayrischer oder antiquierter anhörten als das derer tierischer Kollegen aus Hamburg. Ebenso neuzeitlich schmeckten dann auch die Pferdewürstchen, die gebratenen Flugadler und die gesalzenen Brotstangen.

Freilich gab es mehr als nur Brot, es gab auch Spiele. Und hier sind die Bayern so erfinderisch wie die Briten beim »Royal Military Tattoo«. Bei jenem Militärspektakel auf der britischen Insel in Edinburgh marschieren schmuck rausgeputzte Militärköpp zu Blasmusik in Formation permanent im Kreise. Und was die Organisatoren in Edinburgh können, das können Bayern allemal. Niemand solle behaupten, aus der Städtepartnerschaft zwischen München und Edingburgh seien keine Früchte erwachsen. In einer Arena mit Tribüne formierten sich bayrische Trachtenvereine mit dem für Bayern üblichen Wichs und Waffenarsenal. Wie in Edinburgh marschierten die bayrischen Trachtenverein-Angehörige in eintönigen Formationen zur einheimischen Blasmusik und zogen im Sande der Arena unter den Augen der Zuschauer ihre Kreise. Entweder hielten die sich dabei an den Händchen oder sie nutzen stattdessen Tannengrün-Kranzbögen, welche normalerweise in der Adventszeit in den Kirchen hängen. Und zu guter Letzt durften die Männer in ihren Trachten auch noch mit ihren Waffen gemeinsam in die Luft ballern.

Das Letztere verwunderte mich dann doch schon ein wenig. Offenbar hat das Anti-Terror-Konzept der Polizei nicht gegriffen. Statt des befürchteten Talibans hatten es bayrische Trachtler geschafft, ihre Waffen an den Kontrollposten der Polizei vorbei zu schmuggeln. Während der Otto-Normal-Michel für jede gesonderte Tasche eine Rechtfertigung inklusive Durchsucherlaubnis den Polizeibeamten geben muss, während jeder Kinderwagen auf dem Oktoberfest kritisch auf den Inhalt überprüft wurde, so hatten es die bayrischen Trachtenjungs wohl verdammt einfach. Ursache wird hierbei wohl die Trachtenfarbe gewesen sein. Denn die ist genauso grün wie die der Polizei. Denn allein der Grund, dass Sport- und Trachtenschützen verantwortungsvoller mit ihren Waffen umgehen würden, kann nach dem letzten Amoklauf einer Rechtsanwältin nicht mehr als Rechtfertigung dienen.

Schon vor 1980 meinte die bayrische Polizei, dass selbst Neonazis mit Waffen auf Straßen üben dürften (s.a. die damalige bayrische »Wehrsportgruppe Hoffmann«), denn die würden ihre Waffen verantwortungsvoll verwenden. Als dann die »Wehrsportgruppe Hoffmann« verfassungsrechtlich verboten wurde und als dann später am 26. September 1980 die Toten vom Oktoberfest wegtransportiert werden mussten, wurde das Attentat als Einzeltat eines Einzelmitglieds der »Wehrsportgruppe Hoffmann« abgetan, also von jemanden, der wohl offensichtlich nicht so verantwortungsvoll mit seinem Sprengstoffarsenal umgegangen sein musste. Einzelfall. Und unpolitisch. Fall abgeschlossen.

Nun, die Polizei hat Betonpoller an den Eingängen der Theresienwiese aufgestellt. Sollte – so wurde im Vorfeld des Oktoberfestes erklärt – sich ein Terrorist mit einem Fahrzeug in die Luft sprengen, so würden diese 2-Meter hohen Poller die Folgen der Explosion mindern. Warum die Poller allerdings bevorzugt auf den Fußgängerwegen stehen, der Straße aber eine zweieinhalb Meter breite Durchfahrt lassen, … klar, wegen der Rettungswagen … . Es brauchte mir nicht erklärt zu werden, ich hatte es schon verstanden: Terroristen fahren nun mal meistens unter Verstoß der StVO über Fußgängerwege in die Menschenmenge. Das ist so deren Natur.

Die Sicherheitsmaßnahmen auf dem diesjährigen Oktoberfest haben etwas Eugenspiegelartiges. So wie an den Flughäfen dieser Welt: Befindet sich eine kleine Nagelhautschere und Nagelfeile im Handgepäck, dann werden diese an den Überwachungsschleusen unter bösen, dunklen Blicken von dem Sicherheitspersonal einkassiert. Und hatte er eine Flasche Wasser dabei? Pech gehabt, die wird ihm abgenommen. Aber in den Fliegern im Bereich der Business-Class oder der First-Class erhält der Passagier als Ersatz Besteck aus gutem rostfreien Solinger Stahl. Und im Handgepäck hat der Passagier eine 45%ige Sambuca-Flasche aus dem Duty-Free-Shop. Das darf er. Denn dafür hat er bezahlt. Auch für die Terrorabwehr. Im Dienste der Terrorabwehr.

Doch zurück zu dem Biergarten auf der »Historischen Wiesn«, dort wo ich auf eine Kellnerin mit einem vollen Maßkrug mit dem Wiesn-Spezialbier wartete. Jenes wurde speziell für das Gebiet der »Historische Wiesn« nach einem 200 Jahre alten Rezept gebraut und nur dort ausgeschenkt. In Steinkrügen. Oder wie der bayrische Experte zu sagen pflegt: »Keferloher«.

»Keferloher« heißen die Steinkrüge nicht etwa, weil die Bayern dumme Preußenjungs wie mich verwirren wollen. Nein, die Steinkrüge haben ihren Namen als Ergebnis eines Krieges in Bayern gegen die Ungarn erhalten. Auf dem Lechfeld bei Augsburg führten acht Heerhaufen im Jahre 955 eine entscheidende Schlacht gegen die Ungarn.
Kleine Anekdote am Rande der Schlacht: der tapfere Graf Heinrich von Bayern (ein Vorläufer des in Bayern so beliebten Selbstmörders »Kini«) hatte sich von seinem Leibarzt für die Schlacht kampfunfähig schreiben lassen und ließ seine drei bayrischen Heerhaufen allein in die Schlacht ziehen.
Die Schlacht wurde für den Ostfränkische König und König Italiens »Otto I., der Große« ein großer Erfolg und für die Ungarn ein blutiges Fanal. Nur hatte »Otto I, der Große« kein Geld um seine Soldaten zu bezahlen, so dass er den Soldaten die Pferde der Ungarn als Beute überließ. Die Soldaten sind darauf gen Keferlohe gezogen und haben die Pferde auf dem dortigen Keferloher Markt verkauft. Die Keferloher Wirte hatten schnell geschaltet und über Nacht Steinkrüge brennen lassen, um ihr Bier darin zu verkaufen. Der Vorteil war klar: die Krüge waren schnell herstellbar und die Soldaten konnten vor lauter Schaum nicht feststellen, wie viel Bier sich wirklich in den Krügen befand. Die »Keferloher«-Steinkrüge stellen also die auch in unserer heutigen Zeit bekannte wirksame Maßnahme dar, das aus eigenen Verkäufen erzielte Geld effizient in die andere Tasche umzuleiten.

Ich wartete also noch immer auf einen mit Schaum und Bier gefüllten »Keferloher«, der Inhalt gemäß einem Rezept aus dem Jahre 1810. Und dann nach zehn Minuten tauchte auch eine Kellnerin auf, und ich war um zehn Euro erleichtert. Nein, das Bier kostete nur 8,80 Euro, keine zehn Euro. Aber die Kellnerin meinte, ich sei großzügig und der Rest der 10 Euro sei ihr Trinkgeld. Bevor ich Protest erheben konnte, war sie weg und ich verzichtete, hinterher zu sprinten. Hatte ich doch schon recht lange auf meinem freien Platz warten müssen, und so etwas gibt niemand wegen ein Euro zwanzig auf.

Zudem handelte es sich ja nicht um irgendein Bier. Denn gebraut wurde das Bier als obergäriges Bier, genau wie die anderen Münchner Biersorten auch. Und so setzte ich an zu einem Schluck in die Vergangenheit, zum Schlucken dieses 200 Jahre alten biergewordenen Rezepts. Kaum hatte ich den ersten Schluck genommen, verspürte ich den Drang, mir noch eine Flasche Malzbier dazu zu bestellen. Alter Jugendinstinkt. Denn Alt-Bier aus Düsseldorf hatte ich auch schon immer schon nur als "Alt-Bier mit Schuss" getrunken. An nichts anderes erinnerte mich jenes Bier der »Historischen Wiesn«. Ein Blick unter den zentimeterhohen Schaum bestätigte meinen Eindruck: Dunkel gemalztes Bier tummelte sich in dem »Keferloher«. Na denn, prost.

Für mich steht fest: Die Bayern haben ihr Bierbrauen von den obergärigen Verhältnissen des Rheinlands gelernt. Damals, als der Haßprediger Peter von Amiens, volkstümlich »Kukupeter« genannt, um 1100 herum beim Kinderkreuzzug auf dem Weg von Köln nach Jerusalem nördlich an einer ausgedehnten Kies- und Schottergrube vorbei kam, muss er dem dortigen bajuwarischen Bischof von Freising bei Oberföhring das Rezept für Alt-Bier aus Düsseldorf da gelassen haben. Wahrscheinlich als Wegezoll, um über die damalige Brücke mit seinen Kindern die Isar zu überqueren. Ergebnis dieser Rezept-Schenkung war denn wohl auch, dass die Siedlung in jener Isar-Kiesgrube zum ersten Mal 1158 urkundlich als Siedlung »München« erwähnt wurde.

Die Bayern haben dann aufgehört Wein anzubauen und sind fleißig zum Bierbrauen übergegangen. Als dann aber die ersten bayrischen Pilger im 19. Jahrhundert von der Dreikönigenschrein-Pilgerei aus Köln zurückkehrten und davon berichteten, wie die Kölner denn nun wirklich echtes obergäriges Bier herstellen würden, da haben die Bayern angefangen, deren Rezepte zu modifizieren. Ergebnis waren die jetzigen uns bekannten Münchner Biere. Die ersten lebenden, menschlichen Versuchskarnickel für das neu kreierte Bier sollten dann in einem geheimen Feldversuch eben jenem neu modifizierten Rezept ausgesetzt werden. Das muss wohl so vor 100 bis 120 Jahren gewesen sein, und seit dem ist das Oktoberfest zu dem Bierfest geworden, wie es jetzt bekannt ist.

Und noch etwas haben die Bayern den Kölner von deren kölscher Feierkultur abgekupfert. Aber das hatte ich ja bereits geschrieben: Der Grund sich zu verkleiden, um auch mal wieder Sex zu haben. Das wird dann wohl auch die bayrische Triebfeder für den Drang zur bayrischen Trachtenfolklore mit Hut, Gamsbart und Joppe sein. Die urtypische, bayrische Tracht der Männer.

Und spezielle Erwähnung findet dann auch noch diejenige Tracht, die daraus für Preußen abgeleitet wird, sollten die in bayrischen Revieren rumwildern: die Tracht Prügel.

Prost und bis zum nächsten Oktoberfest.

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