Rock Werchter - Ein Junge wird verrückt gemacht

Alljährlich zwischen Ende Juni und Anfang Juli findet in dem kleinen flämischen Ort Werchter ein mehrtägiges Rockkonzert statt, zu dem sich rund 100.000 Besucher einfinden. Beim diesjährigen Rock Werchter trat auch die Indie-Rockband Editors auf. Unter anderem sang der Frontmann der Band, Tom Smith, ein Mann mit hinreißend schöner Bariton-Stimme, solo den Song: No Sound But The Wind.

Im Mitschnitt dieses Auftritts kommt bei 1:45 ein Junge ins Bild, der mit geschlossenen Augen mitsingt. Bei 2:08 erfasst ihn die Kamera wieder. Er scheint den Song hingebungsvoll zu beten. 2:48 - Erneuter Schnitt auf den Jungen. Der Gesang lässt ihn mitschwingen und seine Umgebung vergessen. Da gibt es nur den Sänger auf der Bühne und ihn, mit dem er eins zu werden scheint. 3:09 - Jetzt hat der junge Mann offenbar realisiert, dass er von der Kamera erfasst wurde und sein Bild auf mehreren Großbildschirmen erscheint. Er senkt einmal den Kopf, und dann irrt sein Blick erfreut Richtung Kamera. Er ist offenbar überwältigt, steckt vor Schreck den Finger in den Mund. Bei 3:30 wirft er sich in Pose, singt jetzt mit ausgestrecktem Arm und vergewissert sich seiner, indem er wieder nach rechts in die Kamera lugt. 3:31 - Die Menge jubelt ihm zu, er schließt die Augen und fasst sich auf den Kopf, ist überglücklich, derart im Rampenlicht zu stehen, ja, für einen Moment dem Sänger die Show zu stehlen. 3:33 - Schnitt auf Tom Smith. Er lächelt, weil er offenbar mitbekommen hat, was die Menge so begeistert. 3:45 – Das Lied klingt aus, Schnitt auf den Jungen, der jetzt mit hochgereckten Armen applaudiert und danach erneut glücklich zur Kamera schielt.




Kameraleute und Regisseure suchen nach solchen Bildern, denn unverfälschte Gefühle können eindrucksvoller sein als professionelle Darbietungen auf der Medienbühne, die ja vom Kalkül und der ausgefeilten Inszenierung geprägt sind. Demgemäß haben die Massenmedien längst alle Hemmungen abgelegt, wenn es darum geht, solche Augenblicke ans Licht zu zerren und aufzusaugen. Dabei werden diese Augenblicke ihrer Eigentlichkeit beraubt, werden ihrerseits zu medialen Inszenierungen und damit verfälscht.

Wie die Massenmedien solche Ereignisse ausschlachten, ist im zweiten Video zu sehen. Auf Canvas, einem Fernsehprogramm des Flämischen Rundfunks VRT, wurde ein Zusammenschnitt der Szenen gezeigt, ergänzt um weitere Kameraeinstellungen. Dieser Mitschnitt hat bei YouTube inzwischen über 241.000 Aufrufe.



Mediale Aufmerksamkeit ist die Droge unserer Tage, und Medienmacher sind die Dealer. Dealer machen sich um die Auswirkungen ihres Drogenhandels keine Gedanken, wie auch die beiden TV-Moderatoren von Canvas beweisen. Sie finden es nur "schön" und "super", dass ein Fan so mit der Musik mitgeht, wobei sie geflissentlich unterschlagen, dass die Kameraaufmerksamkeit das Ausflippen des Jungen erst provoziert hat, zu sehen ab 1:40. Die Massenmedien verabreichen ihre Droge selbst jungen und ungefestigten Menschen, zerren sie in Castingshows oder holen sie aus der Menge. Wie mag der Junge mit dieser urplötzlichen Popularität umgehen? Kann er sich einfach wieder einer vernünftigen Ausbildung und Zukunftsplanung widmen? Und wie wirken solche Medienereignisse auf andere Jugendliche?

Das erinnert mich an eine griechische Sage: Einem Bauern fällt die einzige Hacke in den Fluss, und er sieht seinen Lebensunterhalt bedroht. Da fleht er die Götter an, ihm zu helfen, und jammert dabei so laut, dass die Götter es nicht mehr ertragen können, worauf sie dem Bauern eine goldene Hacke vom Himmel werfen. Da werfen auch andere Bauern ihre Hacken in den Fluss und beginnen ebenfalls zu jammern. Aber soviel Mitleid haben die Götter dann doch nicht und vermutlich auch nicht so viele goldene Hacken.

Einem Bauer haben die Götter vielleicht geholfen, die anderen aber ins Elend gestürzt. Und es ist auch hier zu fragen, ob eine goldene Hacke überhaupt dazu taugt, den Acker ordentlich zu bearbeiten.

Abgelegt unter: Ethnologie des Alltags
2571 mal gelesen
Eugene Faust - 17. Okt, 17:26

Oh ja, es ist richtig schlimm, wie eine ursprünglich spontane Emotion zum Produkt wird und kapitalistisch ausgeschlachtet werden kann. Ein neues Skript entsteht und wird - man könnte sagen seelenlos - nachgespielt, um sich selbst (ein Bild) über den Außenblick zu konstruieren. Mindestens die Authentizität geht dabei flöten. Das erzürnt mich regelmäßig. Ihre Hacken-Geschichte passt äußerst gut dazu.

Trithemius - 17. Okt, 18:56

Über die Selbstkonstruktion durch den Blick in den medialen Spiegel Internet hat Duroy kürzlich geschrieben. Er nennt den Effekt den "digitalen Gesichtsverlust":
//raumgewinner.blog.de/2010/10/05/facebook-digitale-gesichtsverlust-indikator-regression-anthropokonstante-9527616/
Die von Ihnen angesprochene kommerzielle Verwurstung von Emotionen ist, wie mir scheint, noch eine üblere Pest. Es ist ja nicht einmal zu wünschen, dass die Menschen lernen, damit umzugehen.
Klar-a - 17. Okt, 22:21

....ach menno!!! Es gibt heute wirklich fast keine Spielregeln mehr......:-(

Trithemius - 18. Okt, 09:37

Der gesellschaftliche Konsens darüber, was man tut und was man besser lässt, der ist uns tatsächlich abhanden gekommen. Das lässt sich gewiss nicht monokausal erklären, aber nach meinem Empfinden begann der Niedergang mit der Zulassung des Privatfernsehens.
Klar-a - 18. Okt, 10:12

..und mit der mangelnden Bereitschaft - meist geboren aus Bequemlichkeit und Egozentrismus - den eigenen Kindern ein paar grundlegende Regeln beizubringen (dazu gehört auch ein unkontrollierter Glotzenkonsum). Wer glotzt - und damit schließe ich die rar gesäten guten Sendungen aus - übernimmt das Gesehene irgendwann und schafft damit eine Realität außerhalb der Glotze - allerdings mit gleichem Niveau---soifz!
Mimiotschka - 18. Okt, 10:38

@ Klar-a
Grundsätzlich kann ich dem Fernsehen nicht allzuviel abgewinnen. Ich habe daher auch keinen. Was die von Ihnen angesprochenen "rar gesäten guten Sendungen" angeht, frage ich mich, wer das bestimmen will. Wer kann sagen was gut und was schlecht ist? Manche Sendungen das "Philosophischen Quartetts" sind sicher gut, andere Folgen eher mangelhaft. Welchem Geschmack unterliegt die Beurteilung einer Sendung und wer will sich anmaßen darüber zu entscheiden? Ein reflektierter und kritischer Umgang mit dem Fernsehen (und ALLEN anderen Medien) ist hier gefragt. Da kann man auch mal Blödsinn gucken.

Zum Thema:
Was den Jungen bzw. die Geschichte betrifft, so halte ich es für ein tiefergehendes gesellschaftliches Problem. Ähnlich wie beim Lottospielen oder dem Sozialstaat an sich, dient es der Verfestigung von Machtstrukturen und dazu die Bevölkerung ruhig zu stellen. Beim Lotto, den Casting-Shows oder den Menschen die glauben sie könnten jetzt durch solche Mitschnitte einen sicheren Lebensrahmen schaffen, führt die Aussicht auf den sozialen Aufstieg dazu, dass man die Politik unterstützt die die Oberschicht stärkt. Man will ja auch Vorteile haben, wenn man dazugehört. Zusätzlich wird suggeriert, dass es jeder schaffen kann, und wer es nicht schafft hat selber Schuld.
Trithemius - 18. Okt, 11:18

Die Ironie dabei ist ...

diejenigen, die ein Interesse an der Erhaltung der Machtstrukturen haben, verdienen auch noch am Privatfernsehen, an allen Shows, in denen einfachen Menschen die Chance auf den sozialen Aufstieg suggeriert wird.

Liz Mohn z.B., Vorstandsvorsitzende des Bertelsmannkonzerns, hat vermutlich mehr Macht und gestaltet die Gesellschaft nachhaltiger als Angela Merkel. Ihre Macht ist auch nicht auf Deutschland beschränkt. Allein zur RTL-Group gehören RTL Television, Super RTL, Vox oder N-TV in Deutschland, M6 in Frankreich, Five in Großbritannien, Antena 3 in Spanien, RTL 4 in den Niederlanden, RTL TVI in Belgien und RTL Klub in Ungarn, und das ist nur eine Auswahl der TV-Beteiligungen des Bertelsmannkonzerns. Hinzu kommt der Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt über Gruner + Jahr, dem größten Zeitschriftenverlag Europas. Zitat von der Homepage von Bertelsmann: "Zeitschriften, Zeitungen und Magazine bringen die Fakten und Hintergründe zusammen, mit denen Leser sich die Welt erschließen. Gruner + Jahr trägt dazu wesentlich bei – mit mehr als 285 Zeitschriften und Zeitungen in über 20 Ländern, einschließlich zugehöriger Online-Angebote, mit Druckereien in Deutschland und den USA sowie mit professionellen Internetangeboten."

Die Bertelsmannstiftung, der das alles zu etwa 87 Prozent gehört, man muss ja Steuern sparen, ist zudem der Think-Tank mit besten Kontakten zur politischen Führungsriege. Hier wird das Deutschland der Zukunft geplant. Hier hat man sich Hartz IV ausgedachte, die Studiengebühren und vieles mehr.

(Mir wird grad ganz schlecht)

Zusammen mit Friede Springer vom Springer-Konzern bestimmt Liz Mohn, wie unsere Welt dargestellt wird und wie sie aussieht. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Deutschland, Europa, überhaupt die westliche Welt von einigen hundert Familien der Oberschicht regiert wird. Und das habe ich mir nicht ausgedacht. Ich zitiere nur den Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Oetker-Erben, Arendt Oetker, der für die USA 200 Familien benennt.
//de.wikipedia.org/wiki/Atlantik-Br%C3%BCcke
Klar-a - 18. Okt, 18:15

@ Mimiotschka
Meiner Meinung nach gibt es durchaus viele Sendungen, die die Grenzen des guten Geschmacks insofern überschreiten, indem sie Personen benutzen oder vehöhnen---sie mißbrauchen. Sendungen wie beipielsweise 'Hitparade der Volksmusik' oder 'Rosamunde Pilcher -Verschnitte' tun dies wohl eher nicht......sie sind einfach außerhalb meines persönlichen Geschmackes. Allem voraus hat ein reflektierter und kritischer Umgang mit der Glotze oberste Prioriät (darin sind wir uns wohl einig). Daher hat mein Sohn (18J) bis heute noch keinen Fernseher und auch nicht das Bedürfnis danach.
la-mamma - 18. Okt, 10:11

den schaden, den castingshows anrichten können, kann ich mir auch vorstellen, der mitsingende bursche wird aber seine 15 minuten ruhm grad noch verkraften, denke ich.

übrigens kann es auch anders sein: wir gewannen einmal festivaltickets - mit der auflage, dass wir uns dort interviewen und filmen lassen. ein wenig neugierig und ein wenig skeptisch nahmen wir den gewinn an. übrig geblieben sind maximal 3 minuten filmmaterial von uns beiden. aber vielleicht waren wir nicht jung/schön/ausgeflippt genug;-)

Trithemius - 18. Okt, 10:27

Wir wissen das nicht. Er war zweimal im TV zu sehen, einmal beim Livemitschnitt, der von VRT übertragen wurde, einmal bei Canvas. Das wären ja für sich genommen flüchtige Ereignisse. Sie sind aber für alle Zukunft des Internets bei YouTube zu sehen, was dem ganzen eine neue Dynamik gibt.
Sie sind ja wenigstens noch gefragt worden, der Junge geriet ungefragt in die Medien. Die Gefahr, durchzudrehen und jetzt unbedingt eine Medienkarriere anzustreben, hängt gewiss davon ab, wie gefestigt der junge Mensch ist. Durch die immense Popularität der Castingshows und den Hunger nach unverbrauchten Gesichtern in allen Massenmedien kommen immer mehr junge Leute auf die Idee, im medialen Zirkus ihre Chance zu sehen. Die ist aber verschwindend klein. Ich habe mich auch gefragt, wie der Junge mit seiner plötzlichen Popularität in seinem sozialen Kontext umgeht. In jedem Fall wird ihn diese Erfahrung beeinflussen, und sein Leben ist für immer anders als vorher.
AWTchen (Gast) - 19. Okt, 12:13

Fernseher und Pferdekarren

Guten Tag!

Zuallererst:
Die Mormonen lehnen auch Fernsehgeräte ab.
(Und fahren mit Pferdekarren zum Einkaufen.)

Ich selbst habe keinen "Fernseher" sondern ein modernes Display,
das TV, Videos, Fotos, Internetseiten anzeigen kann.
Wer heute noch von einem "Fernsehgerät" spricht, lebt quasi
hinterm Mond. Was spricht dagegen, sich eine interessante Sendung
gemütlich auf'm Sofa anzugucken? Ihr Intellektuellen seht das Ganze
einfach zu verbohrt. Nur Bücher sind nicht die Welt!

Gruß aus der Provinz!..;-)

Trithemius - 19. Okt, 12:58

Hallo Teufelchen,

du hast völlig recht. Diesen Kommentar beispielsweise konnte ich nur mit Mühe vom hinterm Mond ins Teppichhaus funken, denn ich habe da nur ein Dosentelefon. Die Schnur war rausgerutscht und ich verfluchter Intellektueller mit den zwei linken Daumen habe ewig gebraucht, ein neues Loch in die Dose zu bohren.

So ein Display ist gar kein Buch, sagst du? Jetzt weiß ich auch, warum es nichts bringt, das Ding umzudrehen, wenn ich die Seite umblättern will. Und ernsthaft: Es gibt auch dumme Bücher.

Was dagegen spricht, sich eine interessante Sendung gemütlich auf'm Sofa anzugucken? Gar nichts. Ist doch seit Jahrzehnten die sinnvollste Lebensgestaltung.
Familienleben02

PS: Du meinst die Amischen (Amish people), die mit Pferd und Wagen fahren, wohingegen die Mormonen einen modernen Staat haben, nämlich Utah, und sogar Software entwickeln wie z.B. das frühe Textverarbeitungsprogamm WordPerfect.
Eugene Faust - 19. Okt, 13:18

Ach, SIE waren das!?
Trithemius - 19. Okt, 14:22

Naja, aber immerhin wusste ich schon, dass das Schwarze die Buchstaben sind.
AWTchen (Gast) - 19. Okt, 19:35

Pardon! Natürlich meinte ich die Amish-Zombies!
(Kleener Fauxpas darf mal erlaubt sein..;-)

Ihr Intellektuellen müsst aber auch immer mit Klischees kontern!
(Mustermann-Fernsehfamilie)
Du solltest mich mal sehn, wenn ich mit 'nem Joint in der Hand
eine Folge "Alpha Centauri" (Harald Lesch / BR-Alpha) rezipiere.
(Ohne Karo-Pulli, Bier und Kartoffelchips!..;-)

Mei, Monsieur Trithemius.
Ich wollte ja nur mal wieder etwas reizend sein..;-)
Trithemius - 19. Okt, 23:22

Ist schon recht.

Mimiotschka - 20. Okt, 08:10

Sie rezipieren eine Folge "Alpha Centauri" mit 'nem Joint in der Hand? Wozu soll das gut sein? Oder stellen Sie es anschließend bei Youtube ein? Dann sehe ich durchaus Parallelen zu dem hier beschriebenen Phänomen.
Videbitis (Gast) - 19. Okt, 18:14

Weil er genau wußte, daß zu viel Emotionalität im Theater und in der Oper die Menschen eher verdummen, entwickelte Brecht das epische Theater, immer wenn es in seinen Stücken ins Gefühlige zu kippen drohte, ließ er jemanden mit Spruchbändern über die Bühne laufen, auf denen Parolen standen, die an die Vernunft der Zuschauer appelierten. Das erscheint heute völlig antiquiert. Die triefenden Sentimentalitäten, die uns heuzutage in allen Formaten serviert werden, spotten jeder Beschreibung. Die Medien packen uns am Kragen und versuchen, uns tief einzutauchen in den Schmalz, den sie produzieren. "Emotion pur!" heißt es begeistert angesichts der intimen Verwerfungen in Casting-Shows: Unglückliche Kindheit, kriminelle Karrieren, unglückliche Liebesbeziehungen sind fast wichtiger als die spärlichen Gesangstalente der Medienopfer. Gefälschte Doku-Soaps werden uns zugemutet, an denen nur die Unfähigkeit der Laiendarsteller echt ist, dick zugekleistert mit romantisierender Musik. Die Leute sitzen schniefend zu Hause und freuen sich schon auf den nächsten Bauern, der mit seiner neuen Medienfrau zu Geigenklängen auf dem Misthaufen billigen Prosecco trinkt.

Zum Kotzen!

Schnell konsumierbare Emotionalität als Gegenentwurf zur viel anstrengenderen Vernunft - in wessen Sinne ist das denn? Wem kommt das gelegen? Wer konstruiert diese Wirklichkeit? Du hast die Antwort ja schon gegeben in Deiner Antwort auf Mimiotschka, interessant und übelkeitserregend, wer da alles drin ist in dem Atlantik-Bündnis. Man könnte fast zum Verschwörungstheoretiker werden.

Trithemius - 19. Okt, 23:03

Weil es "zum Kotzen" ist, wollen viele das überhaupt nicht wissen. Es ist natürlich mühsam, sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen, statt einfach nur rumzumeckern, sich einlullen zu lassen oder an technischem Schnickschnack zu erfreuen. Man muss sich nur mal die Zeit nehmen, die Netzwerke derer anzusehen, die unsere Gesellschaft gestalten und letztlich verantwortlich sind für deren desolaten Zustand. Dass die Atlantikbrücke oder die Bertelsmann-Stiftung politische Neutralität wahren, heißt leider auch, dass es keine Rolle spielt, wer gerade an der Regierung ist. Denn alle Parteien außer den Linken stehen unter ihrem Einfluss und setzen letztlich das um, was im Sinne der wirklich Mächtigen ist.

Die Diktatur des Geldes ist viel geschickter und erfolgreicher als eine Diktatur, wie Hitler sie aufgezogen hat. Eines lässt sich heute sagen angesichts der Unfähigkeit der Massen, sich den Verlockungen und Einflüsterungen der Medien zu entziehen: Egal, mit welchem Anspruch unsere Massenmedien antreten, ihr Wirken über die Jahrzehnte hinweg hat dazu geführt, dass die Leute immer blöder werden. Das wird natürlich unterstützt dadurch, dass die Bildung finanziell ausgehungert wurde. Hinzu kommen solche Maßnahmen wie die Verkürzung der Unterrichtszeit von 13 auf 12 Schuljahre. Jeder kann sich an fünf Fingern abzählen, dass der Leistungs- und Selektionsdruck dadurch steigt. Und es gibt immer mehr, die daran scheitern, besonders wenn sie schlechte Voraussetzungen haben, etwa aus der Unterschicht stammen. Die Studiengebühren geben dann noch jenen den Rest, die es trotzdem geschafft haben. In keinem Land in Europa ist die Unterschicht vom sozialen Aufstieg über Bildung so abgehängt wie in Deutschland. Aber wir haben natürlich die Nationalmannschaft, und wenn die spielt, kann sich auch der ärmste Hund noch darin sonnen, Schland zu sein, und Fähnchen schwenken.

Die Diktatur des Geldes lässt auch Kritik zu. Ich kann das hier sagen, keiner wird's verbieten, denn es macht überhaupt nichts. Würde ich über Arsch und Titten schreiben, mit der Lupe die Cellulite von Jennifer Lopez zeigen oder Kachelmanns Spermaprobe beschnüffeln, hätte das Teppichhaus längst zigtausend Leser. So aber kann man die gesellschaftliche Wirkung vergessen.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, es gibt eine Verschwörung des Geldadels. Wie er den Globus deformiert, ist doch überall zu sehen.
Videbitis (Gast) - 20. Okt, 22:47

"Systemabweichler sind das Fieberthermometer im Arsch der Gesellschaft," habe ich mal in einem Roman der Brüder Strugazki gelesen, und das selbe gilt auch für Kritiker: Verhallt die Kritik im Niergendwo, ist das ein gutes Zeichen, die Damen und Herren Entscheidungsträger amüsieren sich. Das ist aber kein Grund, die Schrauben nicht noch fester anzudrehen und das Publikum nicht mit überflüssigen, demagogisch geführten Scheindebatten zu beschäftigen (ob Deutschland sich abschafft oder nicht interessiert doch in Wirklichkeit keine Sau).

Die Einführung des Bachelor-Studiums ist eine weitere Selektionsmethode, denn in die Lage, ein weiterführendes Masterstudium belegen zu können, kommen die wenigsten, es gibt nur ganz wenige Plätze. Und Bachelor-Absolventen sind nur gut für den mittleren Bereich, wenn überhaupt.

Danke für Deine Ausführungen, kann ich alles unterschreiben.
Trithemius - 21. Okt, 11:25

Danke für die Ergänzung. Die Einführung des Bachelor-Studiengangs ist wohl der Versuch, die Ausbildung der Führungskräfte auf private Elitehochschulen zu verlagern. Es kann schließlich nicht sein, dass der Sohn einer alleinerziehenden Putzfrau dem Sohn aus besserem Hause eine führende Position streitig macht.
-chap- - 25. Okt, 13:34

Nur mal so

Hallo Trithemius,
an irgendeiner Stelle deiner letzten Einträge und Kommentare, die ich jetzt aber leider nicht wieder finde, hattest du die Einführung des Privatfernsehens für verantwortlich für den Verfall von Kultur erklärt ... so ähnlich.
Ich habe mir unterschwellig darüber noch weiter Gedanken gemacht und heute fiel mir dazu die Scheidungsreform aus den Siebzigern ein. Die Eheleute konnten sich fortan nach dem sogenannten Zerrüttungsprinzip scheiden lassen, was bedeutete, hatte einer von beiden keine Lust mehr auf Ehe und Ehepartner, konnte er sich recht bald scheiden lassen.
In der Folge kam die u.a. die Patchwork-Familie in Mode, viele scheidungsgeschädigte Kinder waren die Folge.
Heutzutage liest man, die neuen Generationen würden Ehe und Familie wieder ernsthafter nehmen.

Worauf ich hinaus will: ich meine, die Allgemeinheit der Menschen kann mit den ihnen gewährten Freiheiten oftmals nicht umgehen. (Das mag jetzt eine simple Erkenntnis sein, aber ich finde sie dennoch von Bedeutung.)
Ob dies Kalkulation derjenigen war und ist, die für diese Freiheiten verantwortlich sind, wäre die weitere Frage.

Grundsätzlich bin ich ja auch eine Anhängerin des bedingungslosen Grundeinkommens, nur kommt mir heute dazu auch der Zweifel in den Sinn, ob die Allgemeinheit der Menschen dafür auch die Reife hat und nicht auch diese Freiheit ins Verderben führt.

Viele Grüße

Trithemius - 25. Okt, 15:33

Hallo -chap-,

Das Zitat findest du weiter oben: "Der gesellschaftliche Konsens darüber, was man tut und was man besser lässt, der ist uns tatsächlich abhanden gekommen. Das lässt sich gewiss nicht monokausal erklären, aber nach meinem Empfinden begann der Niedergang mit der Zulassung des Privatfernsehens."

Ich habe meine Empfindung eingeschränkt ("nicht monokausal"), weil Entwicklungen innerhalb einer Gesellschaft natürlich auf ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Faktoren zurückgehen und sich oft nicht entscheiden lässt, was ist Ursache, was ist Wirkung. Das veränderte Verhalten von Ehepartnern hat ja auch etwas mit dem sinkenden Einfluss der Kirche zu tun, woran die Kirche nicht unschuldig ist. Zudem hat sich in den 70ern ein Wandel bei den Geschlechterrollen vollzogen. Über Jahrhunderte waren Frauen wirtschaftlich abhängig von ihren Männern, konnten sich also auch nicht trennen, selbst wenn es notwendig war. Es ist gewiss nicht zu wünschen, dass Frauen nur deshalb mit einem Haustyrannen zusammen bleiben, weil sie wirtschaftlich abhängig von ihm sind. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau durch ein eigenes Einkommen aus beruflicher Tätigkeit brachte auch ein neues Selbstverständnis der Frau mit sich. Die daraus entstehende Emanzipationsbewegung war ja berechtigt, denn es wurde endlich ansatzweise verwirklicht, was schon im Grundgesetz steht, dass nämlich niemand wegen seines Geschlechts usf. benachteiligt werden darf. Und eine Ehe, in der beide Partner eigene berufliche Wege gehen, ist naturgemäß größeren Anfechtungen ausgesetzt. Die Patchworkfamilien sind demgemäß keine Mode, sondern die Folge gesellschaftlicher Entwicklungen.
Zustimmen kann ich dir bei dem Satz:" ... die Allgemeinheit der Menschen kann mit den ihnen gewährten Freiheiten oftmals nicht umgehen." Freiheit erfordert die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln, und die muss erst einmal trainiert werden. Es bedeutet, auf sich selbst zu achten und auf den anderen zu achten. In der neoliberalen Ellenbogengesellschaft sind diese Werte aber verkommen. Selbstachtung wird fälschlich als Egoismus propagiert, und Fremdachtung heißt heute Misstrauen oder Verachtung. Sich verächtlich über Schwächere zu äußern, gilt nicht als unfein, sondern wird von vielen Vertretern der Eliten vorgelebt.
Freiheit erfordert vor allem die Fähigkeit, sich selber Grenzen zu setzen. Die lässt sich aber nicht erzwingen durch Zucht und Kontrolle, sondern entwickelt sich nur langsam durch gute Vorbilder. Die Leitfiguren unserer Gesellschaft, die man als gute Vorbilder bezeichnen könnte, sind leider rar.

Viele Grüße
Trithemius
-chap- - 25. Okt, 18:00

Danke

für deine ausführliche Antwort, Trithemius.

Ich vertrete auch die Meinung, dass eine Ehe geschieden werden können sollte, wenn sie unzumutbar geworden ist und keine Absicht und Aussicht zu erkennen ist, daran etwas zu ändern.
Scheidungen gehörten nur nach der Reform nicht zu den Ausnahmen, sondern wurden recht beliebt, bei den Männern wie bei den Frauen. (Im Übrigen denke ich, es gibt genauso Haustyranninnen wie es Haustyrannen gibt.)
Denn ich habe die Einstellung, dass man auch schwierige und schwere Zeiten miteinander und in der Familie tragen sollte und sich nicht daraus entfernen und die Betroffenen, die als Last und lästig empfunden werden, anderen oder sich überlassen sollte.
Das ist doch auch das Phänomen der Gegenwart: Belastungen werden abgeschoben, wo das möglich ist. Wenn es nicht möglich ist, wird es irgendwie möglich gemacht. Probleme werden nicht dort angegangen, wo sie entstanden sind.
chap ...
Careca - 7. Nov, 20:05

Zehn Sekunden Ruhm.
Okay, hier sind es mehr geworden. Durch geschickte Schnitte schaffen es die Schnitttechniker sogar auf 1:50 auszudehnen.

Auf einem Loreley-Konzert der WDR-Serie Rockpalast mit Steve Ray Vaughn war ich mit Freunden dabei. Wir wussten, dass die Kameras das Publikum abfilmen und bei interessanten Motiven verharren würden. Nun waren wir nicht so interessant, dass die Kameras uns aufgesaugt hätten, aber wir schafften es zu unserem 2-Sekunden-Ruhm. Wir schwenkten einen "Preußen Münster"-Schal und eine Kamera fing uns ein. Ich sah die Szene später nur einmal, bei der Wiederholung am nächsten Samstag Nachmittag und dann nie wieder. Genau, die vier stecknadelgroßen Gestalten mit dem grün-schwarzen Schal, das waren wir ... und was ist aus mir geworden? Genau. Noch nicht mal ein gescheiter Bundespräsident ... es ist eine fiese Sache, wenn die Kameras auf Face-shot oder Beauty-shots unterwegs sind. Solange du nichts gemerkt hast, ist es kein Problem. Aber wehe du hast mitbekommen, dass du gefilmt wirst, dann ist es vorbei mit dem bei sich selber sein. Dann kommst du raus aus deinem eigenen Zentrum. Wie bei dem Jungen. War es für ihn anfangs meditativer Gottesdienst, als er es bemerkte war es mit der gesammelten Inbrunst vorbei und wurde immer mehr zur Show für andere. Unfreiwilliger 10-Sekunden-Ruhm. Die Kamera klaute ihm den größten Augenblick der Verschmelzung zwischen Künstler und Fan über die Musik. Die Kamera ließ ihn mit einem Allgemeingut verschmelzen. Es berauscht, klaute dem Jungen aber sicherlich den wahren orgiastischen Höhepunkt.
Der Vergleich mit Dealer und Konsumenten trifft das ganz gut.

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